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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 2 · p. 58

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 2
Article
Chronik
Date
1918-01-01
Page
58 (sequence 4)
Language
German
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58 Amitai: russische Judenheit bedeutet ihre Zerschlagung im verschiedene Teile eine ungemeine Erschwerung ihres inneren nationalkulturellen Lebens. Es wiederholt sich hier die typische Erscheinung der modernen jüdischen Geschichte. Die nationale Differenzierung der Völker, allgemein historisch ein Fortschritt, war und ist für uns zumeist von Schaden: eine Gefährdung unserer Einheit, eine Zersplitterung der Gesamtheit. Als dem wahrhaft internationalen Volke ist uns das nationale Differenzieruugsprinzip im Galuth sehr oft ein gefährlicher Feind. Für die russische Judenheit ist die Spaltung in verschiedene neue Einzeljudentümer um so schlimmer, als für ihre einzelnen Glieder in diesem Falle nicht einmal die sonstige gewöhnliche Kompensation durch eine Besserung der individuellen Lebensformen zu erwarten ist. Ihre politische und wirtschaftliche Lage wird in den neu entstandenen Staaten kaum günstiger werden, als sie wirtschaftlich schon im zaristischen Rußland kurz vor der Revolution war und politisch in einem demokratischen Gesamtrußland gewesen wäre. Diese Verschlechterung in der Wirkung der nationalen Differenzierung auf die bürgerlich politische und wirtschaftliche Lage der Juden gegen früher ist die Folge der veränderten geistigen Gesamtsituation, in der sie sich vollzieht. Seit der Zeit der Emanzipation der westeuropäischen Juden ist Europa um einen neuen „Wert" reicher geworden: um den nationalen Chauvinismus im allgemeinen, um den nationalen Antisemitismus im speziellen Falle der Judenfrage. Die wirkliche Emanzipierung der Juden war von den fortschrittlichen Geistern um die Wende des 19. Jahrhunderts unter der Einwirkung der Humanitätsideen der Aufklärung noch ehrlich gemeint. Sie ist es heute nicht mehr. Das Gift des unsittlichen formalen Nationalismus mit seinen realen Auswirkungen im Chauvinismus als innerer Gesinnung und Imperialismus als Ausdrucksform nach außen hat unterdessen seine Wirkung getan; und die nationale Differenzierung vollzieht sich heute nicht mehr im Namen der „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit1', sondern im Namen des „Selbstbestimmungsrechts der Nationen'*. Wie weit diese Parole politisch, hinsichtlich der Unabhängigkeit der kleinen Nationen von den großen, ehrlich gemeint ist und durchgeführt werden wird, ist noch sehr zweifelhaft; sicherlich aber ist sie ehrlich gemeint als „Unabhängigkeitserklärung" gegenüber den ethischen Imperativen der Menschlichkeit. „Frei werden" heißt jetzt für eine Nation zumindest von den unbequemen Verpflichtungen der Menschheitsidee sich befreien; und niemand hat diesen neuen „Sinn" der nationalen Freiheit heute empfindlicher zu verspüren als wir Juden, als vor allem das russische Judentum in den neuen Staaten. Zumeist tritt der Nationalismus der einzelnen Nationalitäten von vornherein als aggressiver Nationalismus auf, d. h. in der Judenfrage als nationaler Antisemitismus. Bei manchen dieser neuen Nationalismen scheint dies sogar sein bisher zentraler Gehalt zu sein. Worauf sich beispielsweise der litauische Nationalismus anders stützt als auf seine Kampfstellung gegen die litauischen Juden und die andern nichtlitauischen Nationalitäten, läßt sich noch nicht erkennen. Von litauischer Kultur hat noch niemand etwas gehört; ein litauischer Staatswille existiert kaum noch, abgesehen von einigen wenigen Führern ohne Anhänger. Was irgendwie positiv einen Nationalismus ausfüllt, fehlt noch. Aber daß die Freiheit der litauischen Kultur nicht durch die nationalen Rechte der Juden beeinträchtigt werden darf, plappern schon die litauischen Führer geläufig ihren Kollegen in Warschau nach und betonen ihre nationale „Pflicht", das Litauertum — das bisher durch nichts anderes als die vitale Existenz einer litauischen

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