Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Chronik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 57 (sequence 3)
- Language
- German
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Chronik 57 man „jüdisch sein", schlicht und einfach, aller problematischen Gequältheit, allem Zweifeln und Ringen enthoben, so dachte man an das russische Judentum. Es war der einzige Teil des jüdischen Volkes, der noch nicht in die tragische Halbheit, in das Stadium innerer Gespaltenheit und Morschheit eingetreten war; der ungebrochene, massive, in seinen Instinkten unversehrte Kern des Volkes, um den die anderen, peripheren Teile sich zentrierten, von ihm als dem unerschöpflichen Quell nationaler Energien und moralischer Potenzen gespeist. Es war der innere Halt des Volkes, der stete Trost angesichts der Wahrnehmung des rapiden Auflösungsprozesses im Westen, in aller Sorge für die Zukunft. Mit diesem ungebrochenen Block als Stützpfeiler schien uns die Existenz unseres Volkes gesichert, war der Glaube an seine Zukunft gerechtfertigt. Nun ist er zertrümmert; plötzlich, unerwartet zertrümmert, nicht von innen heraus, in einem unmerklichen organischen Prozeß der Auflösung zerfallen, sondern von außen, roh, brutal, gewaltsam zerschlagen und auseinandergerissen. Schon der Sturz des Zarismus, der Sieg der russischen Revolution und die Emanzipierung des russischen Judentums durften, unter rein jüdischen Aspekten gesehen, mit gewissen Sorgen erfüllen. Würde das russische Judentum — durfte man sich fragen — von innen heraus Kraft genug aufbringen, um alle durch die Emanzipation ausgelösten Gefahren der Assimilation zu überwinden? Die prachtvolle Haltung der russischen Judenheit in den ersten Tagen der Revolution, ihr stolzer und kluger Kampf um ihre nationale Anerkennung und der schnelle Sieg in diesem Kampf konnte diese Zweifel mildern, für den Augenblick beschwichtigen, sie aber nicht entkräften. Aber wie man auch die neue Lage werten mochte: restlos befriedigt, weil man in ihr auch jüdisch eine Besserung sah, oder schwankend zwischen der Freude über die menschliche und individuelle Befreiung der Millionen unterdrückter Juden und der Furcht vor einer Gefährdung ihrer jüdischen Eigenart, immer blieb die Voraussetzung für jede günstige Prognose der Zukunft der russischen Judenheit die unbedingte Garantie ihrer Einheit, die Erhaltung ihrer kollektiven Ungebrochenheit. Niemand hat dies stärker, instinktsicherer empfunden als die russische Judenheit selbst, die vom ersten Augenblick, da die zentrifugalen Tendenzen der nichtrussischen Nationalitäten einsetzten, mit ihrer ganzen Kraft für die Erhaltung des Gesamtreiches eintrat und bis heute einer der zentripetalsten Faktoren Rußlands geblieben ist. Sein Widerstand hat nichts gefruchtet. Über sein Haupt hinweg ist das Werk der Zertrümmerung des Riesenreiches vorgenommen worden, und heute ist es zerspalten und in ein großrussisches, litauisches, polnisches, ukrainisches, baltisches Judentum zerschlagen, und wer weiß, welche Neubildungen die Zukunft noch bringen mag. Daß dies ein nationales Unglück ist, unvergleichlich schlimmer als alle Pogrome und Kriegsleiden der russischen Juden innerhalb des zaristischen Rußland, ist sicher und könnte durch keine wie immer geartete Fortentwicklung der gegenwärtigen Lage — verharrte sie nur prinzipiell in ihrer gegenwärtigen Richtung — wesentlich geändert werden. Die Möglichkeit, die den Zerfall Rußlands für die nichtrussischen Nationalitäten zu einem sinnvollen Positivum w^d^n lassen könnte, ist für die russische Judenheit nicht vorhanden: die Möglichkeit, daß die Loslösung von Rußland für die verschiedenen Nationalitäten die Befreiung zu selbständigem kulturellem Schaffen werden könnte. Für die