Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Chronik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 56 (sequence 2)
- Language
- German
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56 Amitai: „Entwicklungsgesetzes" und anderer „Gesetze" sieht, kein Kopfzerbrechen verursachen? Wer, der jemals etwas von Dostojewski, Tolstoi und Gogol erfahren, der je einen Einblick in die Welt der russischen Religiosität, in das Ethos der russischen Revolution getan hat, wird so dumm und flachgeistig sein können, in dem Zusammenbruch Rußlands das einfache Auseinanderfallen eines künstlichen Gebildes zu konstatieren, das nur die Knute und der Schnaps zusammengehalten hätten, und nicht vielmehr wissen, daß Rußland der Name einer großen reichen Welt ist mit stärksten inneren Kräften, mit einer Fülle künftiger Möglichkeiten, kurzum: der Name einer der größten historischen Potenzen unserer Zeit? Wer jemals etwas von der Weite und Tiefe der russischen Welt erlebt hat, versteht, daß der Zerfall Rußlands, sollte er wirklich definitiv sein, ein ungeheures Ereignis darstellt, dessen Bedeutung für die künftige Entwicklung der Welt heute sich nur gefühlsmäßig ahnen läßt. Man muß bei der Betrachtung der Ereignisse im Osten sich zum Niveau ihrer vollen Größe erheben, um ihre Bedeutung auch für die jüdische Geschichte zu erfassen. Denn den gleichen historischen Rang, den die Zertrümmerung Rußlands unter allgemeinem Aspekte hat, besitzt für die jüdische Historie die im Anschluß an sie sich vollziehende Zertrümmerung des einheitlichen Blocks der russischen Judenheit und deren gewaltsame Zerspaltung in eine ganze Reihe kleinerer Judentümer. Die Gewichtigkeit auch dieses Prozesses kommt uns jüdischen Zeitgenossen nur selten zum Bewußtsein; selbst diejenigen unter uns, die sich aktiv mit den aus ihm sich ergebenden Problemen beschäftigen, die in der polnischen und litauischen Judenfrage politisch tätig sind, verlieren über der Sorge für die Regelung dieser Einzelfragen allzu leicht den Blick für den Sinn des Gesamtgeschehens. Hinzu kommt, daß dem westlichen Juden die innere Erfassung dieses Sinns schwer ist, weil er selbst die Existenz des einheitlichen russisch-jüdischen Blockes nicht wirklich erlebt hat; jeder Jude in Rußland und in der Ukraina, in Polen und Litauen wird es viel leichter und natürlicher verstehen, was die Zertrümmerung der russischen Judenzeit bedeutet, weil er aus eigenem Erleben weiß, was deren Einheit und Ganzheit ihm gewesen ist. Es ist nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, daß die ungeteilte Einheit des Blocks der sechs Millionen russischer Juden den stärksten realen Kraftfaktor des gegenwärtigen Judentums dargestellt hat. Inmitten des zerstreuten, land- und milieulosen Judenvolkes war das russische Judentum das einzige Zentrum, die einzige ungebrochene Gruppe, die durch ihre numerische Stärke, ihren inneren Zusammenhalt, durch ihre Selbständigkeit in ihren geistigen Angelegenheiten imstande war, nationale Kultur zu schaffen. In keinem anderen Lande außer in Rußland ist im letzten Jahrhundert wahrhafte jüdische Kultur entstanden, Kultur im Sinn einer Summe verbindender Werte, an denen die Gesamtheit teil hat. Die Judenheiten der anderen Länder haben bedeutsame Einzelleistungen, führende Persönlichkeiten hervorgebracht; wirklich nationale Kultur schuf nur die russische. Rußland war das einzige Land, in dem das „Jude sein" für viele, für die Majorität noch aller Problematik und allen Konflikten entzogen, in dem es noch ein Natürliches, Selbstverständliches war. Daher die fast magische Bedeutung, die das russische Judentum für die junge, zum Judentum sich zurücksehnende jüdische Generation des Westens hatte. Was sie ersehnt, das war dort — wenn auch unvollkommen, wenn auch mit allen Anomalien und Fehlern des Galuth behaftet — vorhanden und dort allein. Sagte