Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zur Frage des Prophetismus
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 47 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Bücherschau 4? Internationalist und Patriot, Individualist und Mann der Öffentlichkeit in einer Person, bildet der jüdische Prophet einen Knäuel von Widersprüchen, in dem die starre logische Norm sich unmöglich zurechtzufinden vermöchte. Und ohne das Eindringen in die geistige Verfassung des jüdischen Propheten wird man Sinn und Bedeutung der prophetischen Gottesidee nie richtig einschätzen können. Die widerspruchsvolle Physiognomie des Propheten ist im übrigen nichts anderes als eine Widerspiegelung der ebenso widerspruchsvollen Physiognomie des biblischen Gottes, der zugleich ein Gott des Jähzorns und der Langmut, der Rache und der Milde gewesen sein soll, und der sich diese einander widersprechenden Attribute nach und nach im lebendigen Verkehr mit seiner Volksgemeinde erwarb. Wer also glaubt, bei der Präzisierung der prophetischen Gottesidee über die ganz konkreten Verhältnisse des kleinbäuerlichen Judentums hinweggehen zu können, der frönt einem argen Irrtum, der ihm den Weg zur Ermittelung und Feststellung des wirklichen Sachgehaltes vollständig verbaut. Bei all ihrer Erhabenheit über die Anschauungen und den Geist der Epoche überhaupt ist doch die prophetische Idee von den Aspirationen und Sehnsüchten eines konkreten Volkstums durchtränkt und gibt vielleicht in reliefartiger Gestalt das wieder, was in den tiefsten Tiefen des völkischen Gemüts gärte und nach Entladung drängte. Solange man also den Propheten nicht in seiner geschichtlichen Konkretheit nimmt, wird die prophetische Gottesidee nicht allseitig beleuchtet werden können; ebensowenig genügt es natürlich, sich nur an das geschichtlich Gegebene zu halten, ohne den Versuch zu machen, den selbständigen Kern der prophetischen Idee aus ihren historischen und sozialpsychischen Verkrustungen herauszuschälen. Weder Troeltsch noch Benzion Kellermann hat das Problem des Prophetentums in dessen konkretem Zusammen zu erfassen versucht — in jenem konkreten historischen Zusammen, wovon Volkssitte und Gottesidee nur die beiden abstrahierten Momente darstellen. Der eine wie der andere mußte daher zu ganz einseitigen Ergebnissen gelangen, weil jeder von ihnen das abstrakte Produkt einer gedanklichen Zerlegungsarbeit für die volle geschichtliche Realität ausgeben wollte, jener Realität, die nur aus dem Zusammenwirken, Ineinanderarbeiten und gegenseitigem Durchdringen der beiden Momente, der Vätersitte und der Gottesidee bestand. Die Propheten haben ihre Ideen ganz gewiß nicht aus der Luft gegriffen, sondern knüpften in ihren Bestrebungen an bestimmte Traditionen und Überlieferungen der israelitischen Vätersitte an, mochten diese Überlieferungen noch so primitiv und grob geartet sein. Daß die prophetische Idee sich im Laufe der Entwicklung zum direkten Gegenteil der herrschenden Überlieferungen auswuchs, daß die prophetischen Gedankengänge und Forderungen mit der israelitischen Vätersitte fortwährend kollidierten, daß der Prophet laut seinen eigenen Äußerungen ein Mann des Streites und des Zankes war — dies alles spricht nicht gegen den Umstand, daß die prophetische Gottesidee immerhin einen mächtigen Resonanzboden in der Atmosphäre des israelitischen Volkstums besaß. Im Gegensatz zum Priester, der an die Stätte des Kultes gebunden immer eine gewisse Distanz zwischen sich und der Volksmenge walten ließ, ging der Prophet sehr oft als schlichter Mann des Volkes aus eben derselben Menge hervor und kehrte immer wieder zu ihr zurück. Die Propheten bildeten keine in sich abgeschlossene Kaste, sondern sie waren ein freiwilliger Bund frei denkender Männer, die alle insgesamt bei all ihren individuellen Verschiedenheiten durch eine einzige Idee zusammengehalten wurden — die Idee einer ausschließlichen und ^zentralen Stellung des jüdischen Volkes auf geistigem Gebiet inmitten aller anderen Völkerschaften und Nationen. Insofern hat Troeltsch, wie gesagt, tausendmal recht gegenüber den Emanzipationsjuden aller Gattungen und Schattierungen. Daß aber diesem Patriotismus seine eigenen nationalen Schranken zu eng wurden, daß er aus sich heraus die Kraft entwickelte, die diese Schranken sprengte und über den Haufen warf — darin besteht das große Problem des Prophetismus, das zugleich das des ganzen jüdischen Volkes ist. Die prophetischen Inspirationen entzündeten sich an der Berührung mit dem konkreten israelitischen Volkstum. Zwischen Volk und Prophet fand ein beständiges Fluktuieren statt — das Volk lieferte den Stoff an Traditionen, Überlieferungen und Legenden, den der Prophet mit allen Schätzen seiner Phantasie und seines Gemüts bereicherte, um diesen unendlich bereicherten und mit geistigen Werten beladenen Stoff dem Volke wiederzugeben. Nicht der Anreiz einer zeitlosen Wesenheit war es, der die prophetische Idee auslöste, sondern die Propheten wurden zu dieser ihrer Idee durch den Gang der Geschichte ihres Volkstums gedrängt. Gegeben war den Propheten ein großer Mythos, die Geschichte von einer befreienden Gottheit und einem befreiten Volke, und die prophetische Phantasie berauschte sich an diesem Mythos und