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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 1 · p. 48

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 1
Article
Zur Frage des Prophetismus
Date
1918-01-01
Page
48 (sequence 6)
Language
German
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48 Bücherschau baute ihn zu einer großartigen ethischen Konzeption aus. Daß dieser Mythos sich zu einer ethischen Konzeption umbauen ließ, lag daran, daß dessen Elemente die geeignetsten Bausteine abgaben. Die prophetische Idee war nur eine Verabsolutierung alles dessen, was die Befreiungslegende an ethischen Momenten in sich barg. Rafael Seligmann Der alte Wiener Judenfriedhof Wer in den Großstädten, wo Grund und Boden teuer und die vormals extravillanen Begräbnisstätten in den Mittelpunkt der jetzigen Stadt gerückt sind, das einstige „Haus des Lebens" besuchen will, muß sich meist über öde Amtsbauten und -stuben den Weg hinzu suchen. Auch in Wien dürften Hunderttausende von Einheimischen und Fremden die Aiserstadt und in ihr die Roß au durchwandert haben und nur wenige, die besonders Interessierten, nahmen Kenntnis von dem hervorragendsten historischen Denkmal der Wiener Judenheit, das sich in der Seegasse, hinter dem israelitischen Versorgungs- und Siechenhaus versteckt. Oft geschildert sind die Stimmungen, die ein so altes jüdisches Gräberfeld mit seinen ungepflegten Wegen, wirr durcheinanderragenden Steinen, abbröckelnden und doch massiven Denkmälern auf den Beschauer macht. Nicht zuletzt muß der Eindruck auch künstlerisch einheitlich genannt werden, wie ja z. B. der bekannte Posener Kunstkritiker A. Grotte die alte Friedhofskunst der Juden als „in jeder Beziehung vorbildlich" bezeichnet. Aber all dies kann das Wesentliche der Wirkung nicht erschöpfen. Man denke sich doch mal einen Friedhof ohne Inschriften: wie kalt und schal, leblos und kunstleer wäre das Bild! Die Inschrift erst gibt den Formen Inhalt: wie die geheimnisvollen, den ganzen Stein bedeckenden Lettern das Flächenbild beleben, so lassen uns die Epitaphien, die in geheiligter Sprache und überlieferten Formen, mit preziöser Geziertheit wohl manchmal, aber stets mit liebevoller Sorgfalt, Lob auf Klage häufen, die Schönheit des Todes erst erfühlen, das: non omnis moriar. Sie geben uns erst einen Hauch jenes Gesamtgeistes wieder, jener „prächtigen Gesinnung und strengen Selbstzucht", ohne die eine wirkliche Volkskunst nicht denkbar ist. Wie viel beredter aber muß die Sprache der Inschriften sein, wenn ein Berufener sie nach ihrem inneren Inhalt zu befragen versteht. Solch kulturhistorische Forscherarbeit hat für den Wiener Friedhof Dr. Bernhard Wachstein geleistet, ein jüdischer Bibliothekar par excellence, der sie alle kennt, die heiligen und die weltlichen Schriften, der aber auch dem Leben nicht fremd gegenübersteht, den Menschen und seine immer gleiche Menschlichkeit versteht und demnach die Inschriften zu lesen weiß. In zwei mächtigen Bänden*) legt er uns lückenlos ein vielseitiges Material vor, das er in mehr als zehnjähriger, rastloser Tätigkeit verarbeitet, sich erarbeitet hat. Wollen wir vorerst den geschichtlichen Rahmen des Werkes festlegen, so werden wir auf Grund der Inschriften recht bald bemerken, daß „Mitglieder zweier verschiedener Judensiedlungen hier ihre letzte Ruhestätte gefunden". Die zwei Bände Wachsteins spiegeln zwei Perioden Wiener Judengeschichte, die in politisch-gesellschaftlicher, sowie wirtschaftlichkultureller Beziehung von einander unterschieden sind. Kleinbürgerlich, kleinstädtisch ist die erste, wiewohl Wien bereits damals ein Treffpunkt westlicher und östlicher Kultur war. Hier führen die aus Italien und Frankreich stammenden Familien der Rapa-Cohen (Rapaport), der Chalfan, Theomim und Maor-Katan (z.B. Leon Lucerna, trium facultatum Doctor), in edlem Wettbewerb mit den Deutschen: Heller, Wallerstein, Fränkl, Auerbach u. a. Die Ahnen des heute vielgelesenen Sigmund Mayer, die Familie des Eisenstädter Märtyrers Zacharias sucht „in seltener Einigkeit und Arbeitsfreudigkeit" sein Werk, die „Klaussynagoge" zu fördern, deren sogar Schudt in seinen „Merkwürdigkeiten" Erwähnung tut; Ahron Austerlitz ist „Kassier Jerusalems", denn die Hauptkasse dieser uralten Institution war damals in Wien; wir finden Ärzte, Astronomen, Schriftsteller, besonders aber Gelehrte, die weit über die Grenzen der Stadt bekannt sind. „Meister der Merkaba" begegnen sich hier mit Koryphäen des Talmuds, wie R. Scheftel Horowitz und R. Lipmann Heller, wenn letzterer auch nicht in Wiener Erde ruht. Das Gemeinwesen ist als ordentliche „Kehilla" organisiert: diese besitzt Rabbiner und Vorsinger, Vorsteher und freigewählte Richter, Gemeindeschreiber und Totenwächter; der ,,heilige" Märtyrer aber ist ebenso häufiger *) Die Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien. Im Auftrage der historischen Kommission der israelitischen Kultusgemeinde in Wien bearbeitet von Dr. Bernhard Wachstein. Wien & Leipzig, W. Braumüller, i. Teil I540(?)—1670. Mit 202 Textabbildungen, 15 Tafeln und einem Friedhofsplane. 1912. Klein 40, LXIV+592. II. Teil 1696-1783. Mit 68 Textabbildungen und 24Tafeln.1917.~-XLIII+636.

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