Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zur Frage des Prophetismus
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 46 (sequence 4)
- Language
- German
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46 Bücherschau sehen Ausgangspunkt apriorischer Deduktionen mit dem apriorischen Grunde historischer Erscheinungen verwechselt. Vielmehr kommt es bei der erkenntniskritischen Würdigung eines geschichtlichen Vorgangs einzig und allein auf die Beantwortung der Frage an: Welches rationale überempirische Ansich stellt die konstitutive Bedingung jener Erscheinung dar?*' Alte Klänge. Zeitlose, über alle Erfahrung erhabene Wesenheiten offenbaren sich bei dieser oder jener empirischen Gelegenheit. Zu diesen Wesenheiten soll auch die prophetische Gottesidee gehören, die sich gelegentlich am jüdischen Volkstum äußerte. Nichts bequemer als eine derartige Annahme. Sie macht anscheinend das Studium der Geschichte und die Einsicht in den konkreten Zusammenhang der kulturgeschichtlichen Geschehnisse vollständig überflüssig. Die Bewertung des Prophetismus und dessen Rolle in der Geschichte des Judentums, wie der der Menschheit, die der Kritiker Troeltschs uns in seiner Schrift zu geben versucht, steht und fällt natürlich ganz mit dieser seiner Annahme. Wer gewisse, in der geisteswissenschaftlichen Gelehrtenwelt zirkulierende konventionelle Lügen nicht ernst zu nehmen gesinnt ist, der wird sich auch zu allen mit ihnen zusammenhängenden Aufstellungen, Behauptungen und Betrachtungen entsprechend verhalten. Aber wollen wir für einen Augenblick die Hypothese gelten lassen und annehmen, daß es wirklich derartige logische Ideen gebe, die auf diesen oder jenen historischen Anlaß hin in die Erscheinung treten. Was dann? Hat denn diese Idee wirklich mit dem empirischen Anlaß gar nichts zu schaffen, und ist es denn bei dieser Idee wirklich gleichgültig, bei welcher Gelegenheit sie sich offenbart? Gewinnt nicht vielmehr dieser oder jener historische Anlaß, auf den hin die Idee sich manifestiert, eine für sie charakteristische Bedeutung, so daß die Idee lieber hier als dort, lieber jetzt als dann, lieber an diesem als an jenem Volkstum in die Erscheinung tritt oder m. a. W. wählt nicht vielmehr die Idee ihre Auslösungsmomente, wenn es wahr ist, was der Verfasser sagt, daß es nämlich bei der erkenntniskritischen Würdigung eines geschichtlichen Vorgangs einzig und allein auf die Beantwortung der Frage ankomme: welches rationale überempirische Ansich die konstitutive Bedingung jener Erscheinung darstelle? War es denn für den universalen Gehalt der prophetischen Gottesidee wirklich vollkommen gleichgültig, ob er sich am jüdischen oder an irgendeinem anderen, sagen wir am chinesischen Volkstum konkretisierte? Privatsache jedes Denkenden ist es natürlich, dieser oder jener philosophischen Hypothese zu huldigen: wer aber einmal die Annahme gemacht hat, daß es logische Ideen gebe, die sich bei dieser oder jener empirischen Gelegenheit äußern, der muß auch konsequenterweise des ferneren annehmen, daß diese logischen Ideen auch vernünftig verfahren und aus der Welt der Empirie nur dasjenige zu ihrer Verkörperung wählen, was ihnen am besten paßt und am angemessensten ist. Wenn die prophetische Gottesidee sich am jüdischen und nicht am chinesischen Volkstum manifestierte, so hattesie wahrscheinlich ihre guten Gründe dafür, weil ihr das jüdische Volkstum vielleicht das geeignetste Material zu ihren Experimenten lieferte. Aus alledem geht hervor, daß, wenn man sich sogar auf den Boden des von uns behandelten Kritikers begibt und sich dessen Standpunkt zu eigen macht, man die Gebundenheit der prophetischen Gottesidee an das konkrete Volksleben und ihre Verankerung in den Tiefen der Volkssitte nimmermehr vernachlässigen darf, daß den empirischen Zusammenhängen der Idee mit den verschiedenen Phasen der geschichtlichen Entwicklung des jüdischen Volkstums am sorgfältigsten nachgespürt werden muß, und daß die prophetische Gottesidee nicht als deus ex machina im Judentume entstand, sondern sich aus den Anschauungen und Gepflogenheiten eines kleinbäuerlichen Volkes herausentwickelte — dies alles unbeschadet des Ansichs der Idee, die in absoluter Unabhängigkeit und vollkommener Abgeschlossenheit wohl bestehen und sich dabei eben doch in der Welt der geschichtlichen Erscheinungen offenbaren kann. Nein, die logische Idee, wenn es eine solche gäbe, würde nichts an der Notwendigkeit für den Forscher ändern, deren Manifestationen sich nur im engsten Anschluß an die jeweiligen konkreten Verhältnisse einer ganz konkreten Volksgruppe vollziehen zu lassen. Als Methode der Forschung jedoch würde sie keine nennenswerten Dienste leisten, denn sie würde infolge ihrer Starrheit kaum in der Lage sein, sich den wechselvollen Lebensprozessen anzuschmiegen. Was unseren Fall betrifft, so steht die Annahme einer zeitlos wirkenden und einer sich zeitlich offenbarenden prophetischen Gottesidee vollständig hilflos gegenüber der ganzen Gemütsveranlagung und der geistigen Verfassung der jüdischen Propheten, die voll von überraschenden inneren Gegensätzen ist, die nur in enger Fühlungnahme mit der Entstehungs¬ und Wachstumsgeschichte des Prophetismus innerhalb einer bestimmten völkischen Umweit zu lösen sind. Moralist und Dichter,