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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 1 · p. 45

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 1
Article
Zur Frage des Prophetismus
Date
1918-01-01
Page
45 (sequence 3)
Language
German
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Bücherschau 45 glaubt, daß beispielsweise Opfer nur schädliches Beiwerk seien, und daß die wahre Frömmigkeit einzig und allein in Wahrung und Pflege der Gerechtigkeit bestehe? Will denn der Verfasser im Ernst behaupten, daß die prophetische Gesinnungsmoral, die Moral des reinen Gedankens und des reinen Herzens, mit der zeitgenössischen Volkssitte des hebräischen Stammes, die gleich der aller anderen antiken Völkerschaften vornehmlich auf die Äußerlichkeiten des Kultes eingestellt war, sich vollständig decken konnte nnd tatsächlich deckte? War denn wirklich diese wunderbare Konzeption von dem Berge Zion als dem geistigen Mittelpunkte für die ganze Welt der Denkweise einer kleinbäuerlichen Volksgruppe angemessen? Nur das ist richtig, daß die Propheten nicht tolerant im modernen Sinne des Wortes, d. i. nicht indifferent gegenüber dem moralischen Wesen eines Menschen waren. Der Gegensatz zwischen dem Hebräer und dem Heiden bestand in der Tat bei den Propheten, weil sie eben „Fanatiker des Monotheismus" waren, d. i. weil sie im Gegensatz zu den polytheistischen Religionen das Göttliche nicht als eine Personifikation der Naturmächte, sondern als eine solche der „Wahrheit", die eine ist, dachten, und sich daher den Heiden, den „Götzendiener", als einen Diener des „Falschen" vorstellen mußten. Ihre Sittlichkeit war eben eine religiöse, wieder Verfasser richtig bemerkt hat. Wir verweisen im übrigen auf die diesbezüglichen Erwiderungen Benzion Kellermanns in seiner gegen den Verfasser gerichteten Schrift unter dem Titel: „Der ethische Monotheismus der Propheten und seine soziologische Würdigung" *). Für Benzion Kellermann war es ein leichtes, die einseitigen Behauptungen des Verfassers an der Hand von mannigfachen Belegen aus der Bibel endgültig zu entkräften und den strikten Nachweis zu führen, daß die Propheten, weit entfernt davon, nur den literarischen Ausdruck für den Anschauungsbestand ihres Volkes zu geben, in der Tat eine eminent revolutionierende Rolle im gesellschaftlichen Leben ihrer Zeit spielten. Denn ein anderes ist es, im tieferen Bewußtsein eines Volkes mit allen Fibern seines Wesens zu wurzeln und ein anderes, nur als literarisches Sprachrohr für den jeweiligen Bestand an Aberglauben und Verirrungen innerhalb dieser Volksgruppe zu dienen. Mit den letzten Wurzeln ihrer Seele hafteten die Propheten ganz gewiß am lebendigen Volkstum, aber das hinderte sie nicht ini geringsten daran, mit ihren Ideen himmelhoch über dasselbe hinauszuragen. Benzion *) Berlin, C. A. Schwetschke & Sohn, 1917. Kellermann zeigt unwiderleglich, daß die Propheten im schroffen Gegensatz zum engen Nationalismus jener Epoche einem wahren Internationalismus und Humanismus huldigten, wie sie vielleicht nur auf den höchsten Gipfeln des spätgriechischen und spätrömischen Denkens anzutreffen waren. Er zeigt unwiderleglich, daß die Moral der Propheten einen universalen Kern in sich barg, was doch zu jener Zeit ganz gewiß eine unerhörte Leistung war. Er zeigt manches andere, aber mehr als er zeigt verschweigt er, und das, was er verschweigt, ist von nicht minderer Bedeutung für die richtige Einschätzung der geschichtlichen Rolle des Prophetismus, als das, was er mit solchem Erfolge bloßlegt. Der Kritiker Troeltschs verfällt in eine womöglich krassere Einseitigkeit als der von ihm kritisierte Verfasser. Benzion Kellermann bewegt sich ganz in dem Fahrwasser jener jüdischen Theoretiker, die wirklich nur das literarische Sprachrohr ihrer Sippschaft bilden, und die aus den Propheten eine Art vaterlandsloser Gesellen höheren Stils, eine Art wandernder Philosophen ohne Boden, ohne Volkstum machen — blutleeres Fleisch von ihrem Fleische und markloses Bein von ihrem Beine. Benzion Kellermann ist anscheinend nicht der Mann dazu, sich mit der bescheidenen Zusammenfügung all der Bibelstellen zu begnügen, die die Behauptungen des Verfassers zunichte machen, sondern er sucht seinen Belegstellen eine tiefsinnige Theorie der Geschichtsinterpretierung unterzubauen, die die Bestimmung haben soll, zu zeigen, daß genannter Verfasser mit falschen Forschungsmethoden zu Werke ging. Es verlohnt sich, bei dieser Theorie etwas zu verweilen. Unser Kritiker schreibt: „Die Hauptsache aber ist und bleibt die typische Inkongruenz zwischen dem Einzelfall und dem den Einzelfall bedingenden Allgemeinen: denn das Einzelne kann immer nur historisch, niemals aber logisch oder ethisch das Apriori des Allgemeinen sein. Aus diesem Grunde ist es auch vollkommen gleichgültig, ob sich der universale Charakter der prophetischen Gottesidee aus der religiösen Reflexion über das Verhältnis zwischen Jahve und seiner Volksgemeinde oder aus irgendeinem anderen zufälligen Momente heraus gedanklich entwickelt hat: denn der historische Anlaß eines gedanklichen Komplexes ist niemals identisch mit seinem logischen Ansich. Dazu bedarf es stets einer Überlegung, die sich als solche völlig unabhängig von dem jeweiligen geschichtlichen Ausgangspunkte vollzieht. Es ist der größte Fehler aller biologischen oder soziologischen Kulturphilosophie, daß sie stets den histori-

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