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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 1 · p. 44

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 1
Article
Zur Frage des Prophetismus
Date
1918-01-01
Page
44 (sequence 2)
Language
German
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44 Bücherschau bare Bewandtnis. Man war wohl anational, aber nur in bezug auf das eigene Volk, als ungewollte Mitglieder der eigenen Nation. Gegenüber der umgebenden fremden Nation jedoch fühlte man sich sehr national, ja chauvinistisch, und zwar so chauvinistisch, wie es gesunde Menschen nie sein können. Das war auch so ein kleiner Unterschied. Aber die westeuropäischen Emanzipationsjuden können sich trösten: auch die alten jüdischen Propheten ließen bei all ihrer internationalen Gesinnung ein tiefes nationales Empfinden nie vermissen; freilich galt es keinem fremden, sondern ihrem eigenen Volke, in dessen Namen sie sprachen und als dessen Mitglieder sie in jeder ihrer Kundgebungen auftraten. Diesen nationalen Aspekt in der geistigen Physiognomie derPropheten suchte neuerdings Ernst Troeltsch in einem Aufsatz im „Logos" zu beleuchten. Der Verfasser des Artikels ging entschieden zu weit in seiner Behauptung von einem beschränkten Nationalismus der Propheten, so weit, daß er sich von der historischen Wahrheit ganz entfernte und eine unverzeihliche Einseitigkeit zuschulden kommen ließ. Aber darüber etwas unten. Vorläufig müssen wir gestehen, daß der Verfasser vollständig im Rechte ist, wenn er von der tiefen Verwurzelung der Propheten im Boden ihres Landes und ihres Volkes spricht, wenn er deren Sorge um die Wahrung der Reinheit der jüdischen Rasse hervorhebt und deren Sittlichkeitsidee aus einer rein nationalen Wurzel entspringen läßt. Troeltsch sagt uns hier durchaus nichts Neues, nichts, was nicht schwarz auf weiß in der Bibel zu lesen wäre. Wer in sich nicht die wenig beneidenswerte Fähigkeit spürt, klar und offen liegende Tatsachen durch Sophistereien hinwegzuzaubern, der wird anerkennen müssen, daß das Land Zion in all seinen Realität und das Volk Israel in all seinen Konkretheit den Angelpunkt bilden, um den sich alle Gedanken, Wünsche, Hoffnungen und Befürchtungen der Propheten drehen. Die Erde Zions in all ihrer greifbaren Erdenhaftigkeit, mit all ihren guten und schlechten Eigenschaften, und nicht ein gedankliches Nirgendwo, ein blasser Schemen, geboren im anämischen Gehirn entwurzelter Allerweltsjuden, das Volk Israel in seinen ganzer völkischen Eigenart und lebensfrischen Urwüchsigkeit und nicht eine amorphe Menschheit im Sinne der Konfessionsjuden machen das Endziel der prophetischen Bestrebungen aus. Insofern hat Troeltsch, wie gesagt, vollständig Recht. Wenn aber der Verfasser die Propheten in die primitive Denkart eines über seine lokal-völkischen Schranken nicht hinausgehenden antiken Stammes versinken lässt, so hat er wiederum die Wahrheit der Geschichte gegen sich. Über die Moral der Propheten sagt der Verfasser: „Die Sittlichkeit der Propheten ist nicht die Sittlichkeit der Menschheit, sondern die Israels in der ganzen Ungeschiedenheit von Sitte, Recht und Moral, die allen antiken Völkern eigen ist. Die Völker oder Heiden gewinnen an ihr nur Anteil, wenn sie zu Jahve sich bekehren und seine Gebote annehmen... Eine humane Behandlung wird gegen den Fremdling in den Toren oder Metöken allerdings verlangt; aber sie ist eine Art Gastrecht, das zu den heiligenden und schützenden Wirkungen des Hauses und Ortes gehört. Im übrigen werden gegenüber den Fremdstämmigen, genau wie überall im Altertum, die humanen moralischen Forderungen aufgehoben . . . Wer die Prophetenschriften auf sittliche Äußerungen hin durchsucht, wird erstaunt sein, überaus wenig zu finden . . . Die Propheten sind ja nicht die Fanatiker des Monotheismus, wie man sie oft sich vorstellt, sondern die Vertreter der Ungemischtheit und Reinheit israelitischen Wesens, in dem die alte Vätersitte mit dem Jahvekult aufs engste zusammenhing. Daher ist ihre Sittlichkeit und die all ihrer Nachfolger gebunden geblieben an den Gegensatz gegen die Heiden und Fremden, die man die Völker nannte. Die Besonderheit der Motivierung aus dem Jahveglauben, die Abtrennung der Reinen von den Unreinen, der Gläubigen von den Ungläubigen gehört wesentlich zu dieser Sittlichkeit, die eben eine religiöse und keine nationale Sittlichkeit ist. Sie ist nichts ohne die Zugehörigkeit zum erwählten Volke und ohne die Anerkennung und Anbetung Jahves, nichts ohne die Gemeinde, in der die handelnden Willen verbunden sind." Und an einer anderen Stelle: „er (der Gehalt der prophetischen Ethik) wird nirgends grundsätzlich entwickelt, sondern stets nur gelegentlich berührt, zeigt aber dann jedesmal die charakteristischen inhaltlichen Züge einer alten bäuerlichen und kleingewerblichen Sitte mit manchen Resten aus der alten Nomadenzeit". Aus der geschichtlichen Gebundenheit der prophetischen Ethik an die schlummernden Kräfte des realen hebräischen Volkstums schließt hier der Verfasser auf das innere Wesen dieses Ethos, das doch wohl anders als die herrschende Volkssitte geartet sein mußte, wenn der Prophet in beständiger Fehde mit seinen Volksgenossen lag. War denn wiiklich die prophetische Ethik nur ein beredter Ausdruck und eine klare Widerspiegelung der im Volke herrschenden Anschauungen, wie aus der Darstellung des Verfassers zu schließen ist? Hat denn wirklich der primitive semitische Stamm daran ge-

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