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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 1 · p. 40

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 1
Article
Hermann Cohen
Date
1918-01-01
Page
40 (sequence 8)
Language
German
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IRI
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40 Jakob Klatskin: Hermann Cohen So zeigt sich uns beim ersten Anblick das Antlitz jenes Geschlechtes. Dabei aber empfanden die Führer jener Generation eine besondere Genugtuung darüber, daß in Wahrheit nicht die Lehre Israels besiegt worden war, sondern die Kultur der Völker, von der die Kraft des Bösen gewichen, da sie ein Hauch unseres Geistes berührt hatte, des Geistes der Freiheit, der Gleichheit und Brüderlichkeit, dem unsere Propheten und unsere Händler überall und unablässig als Wegweiser und als Makler gedient hatten. Zu gleicher Zeit proklamierten die Juden des Westens den Tod des jüdischen Volkes und besangen den ewigen Geist Israels. In jener Stunde, in der der Friede zwischen Israel und den Völkern, der angeblichen Menschheit, ausgerufen ward, wurde unser nationaler Instinkt irr und verwirrt. Die große Mauer, die Religion, die uns im Galuth getreulich beschützt hatte, war niedergerissen, das Judentum hatte seine Hüllen abgetan und sein Wesen bloßgelegt, und siehe da, es^ war das Wesen einer allgemeinen Menschheit und die Gedanken „Weltgedanken". Die Kinder jener Zeit sahen das Judentum in geistiger Blöße, sahen die Menschheit auf den Grundlagen jenes Geistes sich aufbauen und stießen an die Frage: Wozu also sondern wir uns von der „Menschheit" ab? Diese Frage konnte erst auftauchen, nachdem der Selbsterhaltungstrieb zusammengebrochen war, so daß der abstrakte Gedanke in ihn den Stachel seiner Untersuchung und seines Anspruchs senken konnte. Aber jener kluge Trieb fand seinen schmalen Ausweg, eine listige Lösung, leicht für die Stunde, schwer für die Folgezeit. In jener allgemein menschlichen Grundlage des Geistes des Judentums erblickte man seine Existenzberechtigung: seine Bestimmung, die Mission der Gerechtigkeit, der Weltverbesserung, der Völkererleuchtung. Die so dachten, ahnten nicht, daß ßs der nationale Erhaltungstrieb war, der ihren Sinn verschleierte und sie zur nationalen Überhebung führte. Indem sie den Geist des Judentums rechtfertigen wollten, waren sie gezwungen, den Geist der Völker herabzusetzen; aus apologetischen Gründen mußten sie uns als Wegweiser der Völker der Welt hinstellen. Dies die größte Ironie der Auflösung des Judentums: zur Hälfte Unterwürfigkeit und Selbstpreisgabe vor der Kultur der Völker, zur Hälfte nationale Überhebung im Bewußtsein der Auserwähltheit. Denn innerhalb der Auflösung liegt noch der nationale Sinn in seinen letzten Zuckungen und wehrt sich gegen den Tod, solange noch ein jüdischer Funken glimmt; er sucht Kompromisse, sei es selbst zwischen Judentum und Assimilation, Die Assimilanten lösten aus dem Judentum alles, was ein nationales und politisches Gepräge hat, trugen einen falschen Sinn hinein, bis sie dazu gelangten, die Assimilation, den Austritt aus dem Judentum im Namen des Geistes des Judentums selbst zu fordern, und riefen den Namen Gottes und der Propheten zum Falschen an. Sie wissen nicht, daß ihr Bestreben, die Auflösung im Namen des ethischen Geistes des Judentums zu rechtfertigen, ihnen vom nationalen Erhaltungstrieb eingegeben worden ist, der noch in der Agonie sich gegen den Tod wehrt und sein Recht auf das Leben geltend macht. Der würdigste Vertreter dieser verwickelten Lehre ist Hermann Cohen. Er hat ihr ein großes System gebildet und ist ihr Ehrenretter geworden. Hier zeigt er sich in seiner ganzen Größe als Interpret. Ist ja das Judentum wie ein gelockerter Boden geeignet, alle möglichen Deutungen und Auslegungen in sich aufzunehmen, ein Tummelplatz für Rabulistik, ein Freigut wie sein unglückliches Volk selbst für jeden, der es mit Lehren und Missionen zu beglücken wünscht*

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