Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Hermann Cohen
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 39 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101137-3101139-3103177--2305-3103233- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Hermann Cohen 39 Zwecken entspricht, wählt einmal um das andere, bis er den Ausdruck findet, der ihm zusagt. Diesen löst er sozusagen vom Boden, haut ihn zurecht und gibt so seinem Stil das Gepräge seiner Gedanken. Weil er seinen Ausdruck nicht aus der Vorratskammer holt, weil die Sprache sich seinen Gedanken erst nach Kämpfen und Versöhnungen fügt, zeigt jedes Wort, selbst das abgebrauchteste, die Schmerzen des Paarungskampfes zwischen Gedanken und Sprache. Da2;u noch etwas. Philosophie ist Cohen Methodenlehre, die Krone der Wissenschaften, keine SpezialWissenschaft Wenn er Logik, Ethik oder Ästhetik doziert, streift er nebenbei Naturwissenschaften, Mathematik, Physiologie und Psychologie, bildende Künste, Musik und Architektur in ihrem Detailwerk, in einer Art, die den Fachmann und Sachverständigen verrät. So muß sein Stil sich durch viele Gebiete hindurchringen, ehe er, nach allerlei Wendungen und Berührungen, zur Synthese emporsteigt. Es verlohnt, bei der großen Erscheinung: Hermann Cohen als Jude zu verweilen. Auf den ersten Anblick ist er ganz problematisch. Der Geist des Judentums ist ihm der Geist der Menschheit überhaupt. Er erkennt einen Fortschritt in der Welt nur in dem Maße an, als die Nationen in ihrer Kultur sich der Ethik des Judentums nähern* Er sagt: „Der Monotheismus des Judentums ist das unerschütterliche Bollwerk für alle Zukunft der sittlichen Kultur." Und ein andermal: „Mit dem Begriffe der Menschen und der Menschheit ist auch der Begriff des einzigen Gottes das zentrale Problem der Entwicklung des Geistes der Kultur". Er lehrte: Wer eine Ethik ohne den Begriff des Gottes Israels aufbaut, hat dem Götzen des Materialismus einen Altar errichtet, oder seine Ethik an ein Nichts, an einen mystischen Aberglauben, an etwas Unreales gehängt; eine solche Lehre trägt nicht das Siegel der Wahrheit an sich. Und wieder: „Das Schicksal Gottes ruht auf den Schultern Israels." Und auch dies: Das Judentum ist eine Urquelle, die deshalb unzerstörbar ist. „Eine solche Urkraft kann nicht als ersetzbar erscheinen." Aber derselbe Cohen, der stolz für die Lehre Israels gekämpft und ihr in der Welt des Gedankens einen Platz erobert hat, hat zu gleicher Zeit und mit gleicher Stärke gegen den Gedanken unserer nationalen Wiedergeburt angekämpft. Erheischt diese Erscheinung nicht eine Erklärung? Betrachten wir jene Epoche, deren hervorragender Vertreter Cohen ist Als die westlichen Juden im Begriffe waren, des „Menschentums" gewürdigt zu werden, beugten sie ihr Haupt und legten das Judentum in seiner Entartung bloß: Seht, tot ist es und verwest, wir befassen uns nur noch damit, es zu bestatten. Sie wurden nicht müde, Beweise über Beweise zu erbringen, daß das Judentum seine Seele bereits ausgehaucht habe. Bis die großmütige „Menschheit" ihnen zunickte: Eure Aussagen sind glaubwürdig; von nun an dürft ihr Menschen heißen. Da freuten sich die Freiheitsapostel, daß sie auf gütlichem Wege ein lästiges Volk losgeworden seien, das mit seinen Propheten und seinen Händlern die Völker in Unruhe versetzt und ihnen die Schmach der Inquisition und des Antisemitismus eingebracht hatte: nun sei kein Hindernis mehr für Gleichheit und Brüderlichkeit. Es freuten sich die Adepten einer naiven Aufklärung, daß es ihnen gelungen war, die „Menschheit" zu versöhnen und sich ihren Lohn zu erwerben: die Emanzipation. ,