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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 1 · p. 38

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 1
Article
Hermann Cohen
Date
1918-01-01
Page
38 (sequence 6)
Language
German
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38 Jakob Klatzkin: sie Geltung fordert? Das Pathos der Moral und ihre strenge Stimme begleiten seinen Verstand, so daß er die Demut des Gedankens nicht fühlt und auf die Kränkung von dessen friedvoller Unschuld nicht achtet. Wir haben bereits darauf hingewiesen: Hermann Cohen folgt den Wegen der griechischen Philosophie, und seine Lehre ist von den Naturwissenschaften und der Mathematik genährt, aber diese dienen ihm nur als Voraussetzungen für die Lehre Israels, Er bringt Plato an die Propheten heran. Seine Behauptungen in der Logik dienen ihm als Prämissen in der Ethik. Ein Strom des Willens durchzuckt das Denken Cohens, auch dort, wo es von der starren Hülle einer kalten Mathematik umschlossen ist. Daher der nachdrückliche Ton und die Silbenstecherei, daher die aufbrausende und die beißende Polemik. Noch einige Merkmale seiner Denkart und seiner Vortragsweise seien hier angeführt, die zumeist als Merkmale des jüdischen Geistes erkennbar sind. Wo sich sein Tiefsinn offenbart, dort zeigt sich auch sein äußerst subtiler, kaum erfaßbarer Scharfsinn; der bedächtige Gelehrte vermag auch „Berge auszureißen und sie an ein Haar zu hängen". Neben seiner gedrungenen Präzision findet man auch die Breitspurigkeit des Kommentators. Er trägt sein Eigenstes in die Weltideen hinein und legt seine Meinungen den Ansichten der andern unter, er interpretiert sie, um sie in sein System aufzunehmen. Er pflegte den Ausspruch Kants über Plato anzuführen, wenn man die Ideen eines Verfassers bis zu Ende durchdenkt, gezieme es sich, noch tiefer einzudringen, um das zu finden, was jener selbst nicht zu finden vermochte. So hat er es mit Kant getan. In diesem Sinn blieb Cohen der Interpret, der Erklärer, auch nachdem er sein großes System geschaffen hatte. Auch im Stil Cohens zeigen sich architektonische Fähigkeiten. Jedem Wort wird seine Grenze, jedem Ausdruck sein Bereich zugemessen. Die kleinste Wendung hat ihren bestimmten Plan, die kleinste Bewegung ist durch Strich und Farbe angedeutet. Kein Buchstabe, kein Tüpfelchen darf geändert werden, es könnte den ganzen Bau erschüttern. Ein dicker Balken ist zuweilen von einem verbogenen Pfahl getragen, in einander verschlungene Ringe durchlaufen versteckt das ganze Gebäude von den tiefsten Grundsteinen bis zu den höchsten Vorsprüngen. Die große Kuppel darüber hängt auf Grund von Kräften, die darauf berechnet sind, sich gegenseitig zu stützen: die Senkrechte entspricht der Wagerechten, die Hebung der Senkung. Die Berechnung muß auf das Haar stimmen. Die geringste Abweichung, das geringste Minder oder Mehr könnte das Gleichgewicht stören. Berechnung — man mache ihm das nicht zum Vorwurf, mag sie auch die Naivität des Schaffens beeinträchtigen. .Kein Bau ohne Plan, kein Plan ohne Berechnung. Man beklagt sich über den schwierigen Stil Cohens und übersieht seinen Reiz und seinen Zauber. Die Schwierigkeit liegt an der vollzogenen Synthese. Sein Stil setzt sich aus dem Tiefsten und Höchsten in der Sprache zusammen, entsprechend der Tiefe des darin versenkten Gedankens und dem Fluge der Abstraktion. Die Schwierigkeit liegt auch an der Persönlichkeit, die sich weigert, aus dem Fertigen zu schöpfen, die erst nach eigenem Suchen findet, so daß sie sich selbst beim vulgärsten Ausdruck abmüht und die bereits fertige Sprache neu beleben muß. Cohen eignet sich nichts von der Sprache an, was an ihr Freigut und Gemeinplatz ist, er nimmt nicht, was abgepflückt und zufällig am Wege liegt, er steigt in den geheimen Schacht der Sprache, prüft jedes Wort, ob es seinen

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