Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Hermann Cohen
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 36 (sequence 4)
- Language
- German
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36 Jakob Klatskin: Wissenschaften, in ihren Schriften und auf ihren Lehrstühlen Platz gewähren müssen, als einer besonderen Denkart, einer besonderen Betrachtungsweise, Cohen ist der Ausgangspunkt einer philosophischen Schule der jüdischen Ethik. Spinoza stand außerhalb der Grenzen der Gedankenwelt des Judentums, und wo er sie berührte, griff er sie an. Was Wunder, daß selbst die besten unter den nichtjüdischen Denkern Cohen, der die Ethik zu judaisieren vorhatte, fremd gegenüberstehen, daß sie ihn bewußt und unbewußt mit Schweigen übergehen. Dazu hat in gewissem Maße auch die eigentümliche Gedrungenheit seiner Vortragsweise, die Härte seines Stils beigetragen. Dem Durchschnittsleser sind seine Werke unzugänglich. Seine Gedanken wollen, daß man sich in sie vertiefe, sie erheischen Erklärungen und Kommentare, und, keiner unter den philosophischen Schriftstellern hat sich bis jetzt der Arbeit unterzogen, Cohens Gedanken zu popularisieren. Vor vierzig Jahren trat Cohen mit seinen großen Werken über Kant hervor. Er wollte die Lehre seines Lehrers klarstellen, ihren wahren Gehalt wiedergeben, er gewann ihr einen neuen Aspekt ab und sah sich veranlaßt, viele Deutungen, die man ihr angehängt hatte, zu bekämpfen. Cohens Werke riefen Aufruhr und Bestürzung in der kantischen Schule hervor. Die berühmtesten Schüler Kants eröffneten eine heftige Fehde gegen Cohen. Schließlich trat eine Spaltung ein, Cohen und sein Anhang lösten sich los und gründeten eine neue Schule, die Schule des erkenntnistheoretischen und praktischen Idealismus, der Lehre der „Reinheit" des Gedankens und des Willens, — die Marburger Schule — so genannt nach dem Orte, an dem dieser junge Zerstörer-Schöpfer nach dem Tode Friedrich Albert Langes lehrte. So erhielt er den Beinamen: der Interpret Kants. Dies ist eine Beeinträchtigung — eine Unterschätzung. Cohens Bedeutung erschöpft sich keineswegs in seinen Kommentaren zu Kant. Sie sind der Ausgangspunkt, aber nicht das Ausmaß seines Weges, nicht die Grenze seiner Riesenschritte. Er wuchs über sie hinaus, aus dem Erklärer wurde der Umstürzler. Schon als Kommentator hat er das System seines Lehrers erneut und es durch das Neue sich zu eigen gemacht. Cohens Kraft ist die des Erneuerers, darin sein Lebensnerv. Ein Beben der Schöpfung durchzieht bereits alle Kanäle seines jugendlichen Gedankens. Inzwischen hat er viele Grundsätze der kantischen Lehre niedergerissen, ein eigenes System auf den Ruinen errichtet, das alle Gebiete der Philosophie nach Umfang und Tiefe umfaßt Cohens letzte Werke befreien ihn sicherlich von dem bescheidenen Titel eines Interpreten Kants. Vielleicht paßt kein Name besser auf Cohen als der Name Baumeister. Zwei anerkannte Wege hat der Gedanke für seinen Ausdruck. Der Logiker pflegt stufenweise emporzusteigen, auf einer Leiter von Gründen zu den Weisungen, von Prämissen zu Folgerungen, vom Einzelnen zum Allgemeinen, um so zu seiner These zu gelangen. Wir sind Zeugen seines bedächtigen Weges bis zu seiner Ruhestation. Es läßt uns teilnehmen am Wachstum seiner Gedanken von den Verästlungen seiner Wurzeln bis zum Laubwerk seines Wipfels. Es gibt aber einen andern Denkstil, der den Gedanken von der Fronarbeit der logischen Form befreit, die ihm seine Pointierung nimmt und ihn seines Zaubers beraubt. Das ist der Weg der Freiheit und des Fluges; es ist uns dabei nicht verstattet, den Embryo des Gedankens zu sehen, seine Teile und seine Stoffe, sein Werden und seine Zusammensetzung; er entblößt sich nicht vor uns und enthüllt uns