Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Hermann Cohen
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 35 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Hermann Cohen 35 listen es aufzunehmen und seine von komplizierter Geistesarbeit zeugenden Ansichten im Handumdrehen zu widerlegen vermochte. Mit Recht! Aber es war nicht die Schuld Cohens, nicht seine Schande, es war die Schuld einer Generation, die Schande einer Epoche, die Cohen, so gut er es vermochte, verteidigte. So stand er wie ein mächtiger Fels in seiner erhabenen Einsamkeit und wich keinem Sturm der Welt, wachte treu über die Irrungen der Väter, ein Geistesriese als Wächter über das Erbe eines armseligen Geschlechtes. Der Riese ist gefallen. Verschieden ist der letzte der großen Söhne einer verantwortungsschweren Ära. Der Letzte der Zeit nach, an Bedeutung der Erste. Indem wir an der Bahre des Juden Hermann Cohen stehen, stehen wir an der Bahre eines ganzen Zeitalters. Hermann Cohen ist sechsundsiebzig Jahre alt geworden, ohne daß es ihm beschieden gewesen wäre, seine Lehre in die Öffentlichkeit dringen zu sehen. Selbst seine Fachgenossen erkennen ihn nicht nach Gebühr an. Die Lehrbücher der Geschichte der Philosophie pflegen ihn mit Schweigen zu übergehen oder ihn mit einigen anerkennenden oder abfälligen, jedenfalls wenig charakteristischen Worten abzutun. Sogar die Vertreter der neukantianischen Schule, die die meisten Lehren Cohens in sich aufgenommen hat, pflegen sich auf den Namen ihres Lehrers nicht zu berufen. Manches spricht dafür, daß Cohens aufrechtes Judentum, das sich mit Abwehr nicht begnügte, sondern zum Kampf gegen das Christentum und die Herrschaft des Christentums auszog, seine Anerkennung verhindert hat. Wie ein ungewolltes Geständnis klingt es aus den Worten Kuno Fischers, der die Lehre Cohens mit der Phrase erledigt: Mehr Rasse als Philosophie. Kuno Fischer hatte übrigens, ohne den tieferen Sinn seiner Worte zu ahnen, ein wahres Wort ausgesprochen. Cohens Philosophie trägt viele Elemente des jüdischen Geistes in sich. Sein System der Ethik stützt sich auf die Ethik des Judentums und dient ihr als Stütze. Viele jüdische Denker waren darauf ausgegangen, Frieden zwischen der Forschung und dem Judentum zu stiften und hatten lange nach einem befriedigenden Ausgleich gesucht, bis es ihnen zur Not gelang, einer armseligen Philosophie in das starke Judentum Eingang zu verschaffen. Sie räumten ihr eine untergeordnete, dienstbare Stellung im Judentum ein und beruhigten sich dabei. Cohen aber suchte nicht nach einer Legitimation für das fremde Denken und nach Beziehungen zu ihm in der Lehre Israels. Er hatte sich bereits ganz der Lehre Hellas* hingegeben. Allein seine Weltbetrachtung, seine Forderung einer Ethik auf dem Grunde der Idee und des Absoluten hat ihn zur Lehre des Judentums geführt, die er zu einem System erhob, um es der Philosophie darzubieten. So hat er ihm einen neuen Weg gebahnt. Die Lehre Israels hatte sich bisher nur durch Selbstbeschränkung und nationale Begrenzung erhalten können, sie vermochte nur in Entstellung zu dem Gemisch der Völker und Völkersplitter zu dringen, die ihr Wort verkehrten, ihre Losung fälschten und ihre Verdienste leugneten. Jetzt erst kann diese Lehre, da sie durch die Weiten und Tiefen der Philosophie gegangen ist, zu einer Weltanschauung werden. Wenn die Lehre Cohens die ihr gebührende Stellung einnehmen wird, wird sie der jüdischen Ethik in ihrem ganzen Umfang vor dem Forum der Wissenschaft Anerkennung verschaffen. Man wird ihr dann in den Geistes- 3*