Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Hermann Cohen
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 34 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101137-3101139-3103177--2300-3103228- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
34 Jakob Klatzkin: Klarheit und Konsequenz Staunen erregt. Seine vom nationalen Stolz durchdrungene Lehre über die jüdische Ethik ist eine Rechtfertigung jener halben Assimilation. Zuweilen überkommt uns das Bedenken: Wenn der Idee dieser Assimilation ein so großer Denker wie Hermann Cohen erstehen konnte, der sich für sie mit gewaltigem Eifer, mit der Kraft einer unerschütterlichen Sicherheit, mit der Hartnäckigkeit eines unverrückbaren Glaubens eingesetzt, der für sie bis zu seinem letzten Atemzuge gekämpft hat, wie dürfen wir Nationalisten ihr jede Existenzberechtigung absprechen und sie geringschätzen? Ja, zuweilen sinkt dem nationalen Juden der Mut angesichts dieser sonderbaren Erscheinung: Ein scharfsinniger Denker, der bis in die Abgründe des Gedankens dringt, in seines Himmels Höhen einhergeht wie ein eingesessener Bürger, der alle seine Pfade und verschlungenen Wege kennt; ein Denker, der die Lehre der Einheit und Ganzheit verkündet und der die Lehre der Zweiheit und der Gegensätze, der seelischen Widersprüche und Risse als die Wurzel der Sünde gebrandmarkt hat — ist es möglich, daß er die Gebresten des Assimilationsgedankens nicht bemerkte, dieses krüppelhaftesten unter allen Erzeugnissen der Halbheit und Zweiheit, das sich in allen Konvulsionen einer schadhaften, gebrochenen, losgerissenen, sündenbefleckten Seele krümmt? Allein, eben darin liegt das Tragische dieses genialen Denkers. Er hatte ein Erbe von seinem Geschlecht mitbekommen, das ihm zum Stein des Anstoßes ward; er blieb seinerzeit treu — dies seine Strafe. Denn was haben uns die Väter der Aufklärung hinterlassen? Einen Riß im Herzen, Zweiheit im Leben, einen Geist, der seine Formen eingebüßt hat, farblose Gedanken, deren Quelle versiegt war, Dogmen eines rationalen Glaubens, dessen Säfte vertrocknet waren, losgerissene Zweige, ohne eine Spanne Bodens, um Wurzel darin zu schlagen, Bruchstücke der Tafeln eines inhaltsleer gewordenen Judentums, der Bankrott — das war die Hinterlassenschaft der Väter der jüdischen Aufklärung im Westen. Cohen kam allerdings, um unsere Güter zu retten, aber er rührte nicht an die Grundlagen der Fäulnis, die unsere Entartung herbeigeführt hatte, untergrub sie nicht, war vielmehr bestrebt, sie zu stärken — so ging er hin und errichtete einen großartigen Bau des geistigen Judentums auf dem Grunde des niedergerissenen. Es liegt eine besondere Ironie darin, daß Cohen dazu ausersehen ward, den Bankrott seiner Zeit zu verdecken, die Negation, die Insolvenz eines von der Realität losgelösten Judentums zu einem Positivum, zu einem Fortschritt in der Entwicklung des jüdischen Geistes zu erheben. Nur die Schärfe eines Verstandes, der alles vermag, der in allen Werkzeugen der rationalistischen Architektonik Meister war, konnte eine so schwere Aufgabe auf sich nehmen. Man darf sich also nicht wundern, daß dieser große Denker aus seiner Polemik mit den Nationalisten und Zionisten nicht einmal mit einem dialektischen Scheinsieg hervorzugehen vermochte. Fast immer trug er eine Niederlage davon. Seine Denkkraft ward nicht altersschwach, sie hatte ihn nicht für einen Augenblick verlassen, hatte sich im Gegenteil gerade in den letzten Jahren in der Polemik glänzend bewährt. Es war nicht die Schwäche der Persönlichkeit, nicht die der Logik; hier zeigte sich die Unzulänglichkeit einer veralteten Position, die, auf innerem Widerspruche fußend, zu einem System ausgebaut und mit erhabenen Gedanken über Menschheit und Messianismus vielfältig verbunden wurde. Es war zuweilen schmerzlich, der Niederlage dieses Riesen zuzusehen, mit dem selbst ein Zwerg aus dem Lager der Zionisten und Nationa-