Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Hermann Cohen
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 33 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jakob Klatzkin: Hermann Cohen 33 HERMANN COHEN Er war sechsundsiebzig Jahre alt — vergebens suche ich mich damit zu trösten... Es fällt mir schwer, mich von dem schmerzlichen Gefühl zu befreien, daß Hermann Cohen uns plötzlich und vorzeitig entrissen worden ist. Voller Jugendlichkeit, voller Schöpfungsfreude und Kampfeslust war er bis zu seinem letzten Tage. In der Mitte seines Lebens gleichsam kam sein Ende, in der Mitte seiner Arbeit entwich seine junge Seele. Wir wußten, daß er das Greisenalter erreicht hatte, in dem der Tod schadenfroh mit dem Menschen zu spielen und ihn zu necken pflegt, bis er an ihm seinen Auftrag vollzieht. Aber dieses Wissen setzte sich in uns nicht fest, es verwischte sich und wich vor dem Eindruck der Stärke und Jugendlichkeit, die in all seinen letzten Geisteserzeugnissen, den Alterskindern des großen Denkers sprudelten. Als wäre der Weltenlauf bei ihm ein umgekehrter als sonst, als hätte ihn blühende Jugendlichkeit im Greisenalter überkommen. Andere Menschen pflegen mit Kleinem zu beginnen, um mit Großem abzuschließen, Cohen aber fand bis zu seinem siebzigsten Jahr keine Muße zum Artikelschreiben, arbeitete selbst an philosophischen Zeitschriften nicht mit; nicht einmal an jener periodischen Literatur, die aus seiner Schule hervorgegangen war und von seinen Schülern geschaffen wurde, hatte er, der Lehrer, sich beteiligt. Sein Schaffen begann mit großen Werken, die zu ihrer Zeit eine folgenreiche Umwälzung bedeuteten, er beschäftigte die Welt mit Riesenbüchern, schwer an Gedanken und Weisungen auf Geschlechter hinaus. Erst vor wenigen Jahren begann er sich sozusagen mit dem Kleinzeug des Lebens zu befassen, sich den Tagesfragen zuzuwenden, und wurde so in einem gewissen Sinn zum Publizisten, ja — was ihm nicht zur Unehre gereicht — zum Journalisten. Mit siebzig Jahren stieg er von der Höhe der ewigen Wahrheiten herab, um sich einen Platz im Reiche der Zeitschriften, der Broschüren, der Tages- und Augenblicksliteratur zu erobern. Es hat den Anschein, als wäre es dem Greis leid gewesen um das Fallobst, das sich von seinem Baum gelöst hatte, die Brosamen, die unter seinen Tisch gefallen waren/so daß er — ein Nachtreter seiner selbst — seine Lehre in den verschiedensten Formen wiederholt, aus ihr Nachlese um Nachlese eingeheimst, neue Beziehungen und Verbindungen aufgefunden hätte, um ihr Alter zu verdecken. Aber dem ist nicht so. Eine neue Art und ein neuer Stil gibt sich in seinen publizistischen Arbeiten kund. Etwas von einem Neubeginn, einem neuen Aufflug zeigt das starke Pathos und der Glanz der Rede . . . Doch sieh! Kaum hatte er begonnen, seine Seele zu entladen, kaum hatte er dem stürmischen Leben, das bis dahin von der harten Arbeit kühlen Denkens zurückgedrängt worden war, ein Tor geöffnet, kaum hatte er begonnen, mit zum Kampf, zu Angriff und Abwehr, ausgestreckter Hand zu lehren, zu verweisen, zu mahnen, Vorschläge zu machen und Verbesserungen zu fordern, — als plötzlich das mächtige, unter der Hülle behutsamer Logik feuersprühende Wort abbrach. Das Wort brach ab und wird keine Fortsetzung mehr finden. Mit Hermann Cohen ist der größte Sohn der jüdischen Aufklärungsepoche im Westen von uns gegangen. Der letzte unter den Großen jener Epoche, der letzte der Zeit nach, in seiner Bedeutung der erste. Er hat den schwankenden Gedanken seiner Generation über das Judentum, den Gedanken der Assimilation im Namen des Judentums und für es, zu einem System erhoben, das in seiner Heft 3. *