Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Jakob Gordin und das jüdische Theater
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 31 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Jakob Gordin und das jüdische Theater 3* er das Allerheiligste, krampfhaft das Manuskript in den Händen haltend, in eitel Angst, die übelberüchtigten Komödianten könnten ihm den kostbaren Schatz entreißen und davonlaufen. Wie mußte es aber dem armen Mann zumute geworden sein, als nach der Vorlesung die Schauspieler das Stück ganz leidlich fanden, aber nichtsdestoweniger sich darüber hermachten, an „geeigneten" Stellen einige Couplets anhängten, höchstpatriotische pathetische Ausrufe mit dem üblichen Schmäh Jisroel einfügten und es auch sonst nach bewährtem Muster zustutzten. Bald sah das Stück, das gedacht war, eine neue Epoche in der Geschichte des jüdischen Theaters zu eröffnen, den Alltagserzeugnissen der theatralischen Muse zum Verwechseln ähnlich und unterschied sich von ihnen zunächst nur durch den Stoff, der der unmittelbaren Gegenwart entnommen war. Zwar hatte es auch dem vorgordinschen Theaterstück an Gegenwartsstoffen nicht gefehlt. Neben der historischen Oper, die das Repertoire beherrschte» vegetierte kümmerlich in einem Winkel das Aschenbrödel des Gegenwartsstückes. Was sich aber als solches ausgab, war wieder die historische Oper, nur daß die Namen der Personen nicht mehr der Geschichte entlehnt, sondern frei erfunden waren. Im übrigen sind es abenteuerliche Liebesintrigen, die nirgendwann spielen, in einem entsetzlichen Kauderwelsch, das sich in Liebesszenen bis zu einem unerträglichen Hintertreppendeutsch steigert, abgefaßt, mit musikalischen Nummern reich geschmückt sind und auch die anderen Vorzüge mit der historischen Oper teilen. Nur in der Verteilung der Charaktereigenschaften in den vorgordinschen nichthistorischen Stücken läßt sich eine geringe Verschiebung wahrnehmen. Da man von jeder Rücksicht auf die gekrönten Häupter, die ja selbstverständlich von Edelsinn nur so triefen mußten, frei war, waren die Juden in den hellsten Farben gehalten, während die Nichtjuden die schwärzesten Intriganten hergaben. Der Grund dieser weisen dramatischen Verschiebung, die auch auf die historische Oper abfärbte und schließlich zu einem dauernden Attribut des Theaterstückes wurde, ist im Parterre und hauptsächlich auf der Galerie zu suchen. Das Publikum jubelte dieser „gerechten" Verteilung von Licht und Schatten zu und entschädigte sich auf diese überaus primitive Art für manche im Leben erlittene Erniedrigung. „Sibirien" mußte Erfolg gehabt haben, denn nun war Gordin dem Theaterteufel mit Haut und Haaren verfallen. Der aktive und passive Widerstand, den ihm " der Theaterschlendrian, eine auf der Bühne aller Völker und Zeiten heimische Erscheinung, bereitete, war allmählich überwunden. Der enge Kreis, der sich für Gordin schon in der „historischen" und „klassischen" Epoche einsetzte, gewann immer mehr an Boden — bis die von Gordin begründete Gattung sich eine dominierende Stellung zu verschaffen wußte, eine große Anzahl von Nachahmungen hervorrief und schließlich Schule machte. Dabei muß festgehalten werden, daß Kämpfe auf dem Theater nie mit einem vollständigen Siege oder einer völligen Niederlage enden, etwa so, daß eine Gattung in der Versenkung verschwindet und eine andere feierlichen Einzug hält. Vielmehr wird nebeneinander und durcheinander gespielt — aber gewöhnlich ist es ein Genre, das die Vorherrschaft behauptet und einer Epoche sein Siegel aufdrückt. Wie man etwa auf dem deutschen Theater von einer Ifflandisch-Kotzebueschen, Birch- Pfeifferschen oder Raupachschen Epoche sprechen kann, folgt nun in der Geschichte des jüdischen Theaters die Gordinsche Epoche. In den zwei Jahrzehnten seiner bühnenschriftstellerischen Tätigkeit (er starb am 10. Juni 1909)