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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 1 · p. 32

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 1
Article
Jakob Gordin und das jüdische Theater
Date
1918-01-01
Page
32 (sequence 6)
Language
German
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IRI
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32 Michael Weichert: Jakob Gordin und das jüdische Theater schuf Gordin, bei der Verpflichtung alljährlich vier abendfüllende Stücke zu liefern, an Originalen und Bearbeitungen die ansehnliche Zahl von fast achtzig Stücken. Für ihn blieb, ähnlich wie für einen Irlland, eine Birch-Pfeiffer, einen Raupach der Theaterbedarf und der breite Publikumserfolg das zwingende Gebot und der unmittelbare Anlaß zum Schaffen. Bei dieser fieberhaft gesteigerten Tätigkeit, die zum Ausreifen keine Zeit ließ, ist es selbstverständlich, daß nicht alle Stücke von gleichem Wert sind. Viele von ihnen haben den ephemeren Erfolg kaum überlebt, haben kaum eine Bedeutung erlangt über den Tag hinaus, der sie geboren. Die wenigsten sind im Druck erschienen und einer nachträglichen Prüfung zugänglich gemacht. Aber auch den vorhandenen Drucken gegenüber ist die weitgehendste Vorsicht geboten. Es hat den Anschein, daß die neben den New-Yorker Ausgaben in Warschau erschienenen Texte der bedeutendsten Stücke nicht, oder wenigstens nicht immer auf dem geradesten, oder nur einwandfreien Wege in die Hand des Verlegers gelangt sind. Die mangelhaften, von Druckfehlern und Auslassungen wimmelnden Korrekturen, die unvollständigen Personenverzeichnisse, der liederliche Satz lassen darauf schließen, daß wie einstens William Shakespeare auch Jakob Gordin sich um die Drucklegung seiner Texte nicht viel bekümmerte. Inwiefern auch gelegentlich andere unkontrollierbare Mächte 'des Theaters dem Autor ins Werk pfuschten, läßt sich nicht mit Sicherheit feststellen. So erregt der ganz unsinnige V. Akt von „Der wilde Mensch" bei mir ernsthafte Bedenken, ob er in der vorliegenden Fassung aus der Feder Gordins stammt. Dasselbe gilt von der Niederschrift der im „Eigentum und Verlag der Buchhandlung Amkraut und Freund in Przemysl" im Jahre 1908 erschienenen, in Kastilien zur Zeit der heiligen Inquisition spielenden „Schönen Miriam", die sich auf dem Titelblatt in einer ebenso originellen, als charakteristischen Orthographie als „Schelme Mirjam, historische Opperette mit Prolog und Epilog in 4 Akten fon Jakob Gordin, Musik fon Mogulescu" bezeichnet (ein Stück dieses Titels von Gordin ist auch Pinski bekannt). Andererseits ist der nicht nachgewiesene geistige Anteil Gordins an den unter dem Sammeldecknamen „Professor Jakobi aus London" erschienenen Stücken irrelevant. Außer den Theatertexten konnten als Hilfsmittel die gesammelten Aufsätze herangezogen werden. Die zeitgenössische Kritik ist mir infolge der kriegerischen Ereignisse nicht zugänglich. Ihr Wert für eine tiefer schürfende Betrachtung dürfte bei der Urteilslosigkeit der Tageskritiker ganz gering sein. Beim Mangel an anderen Quellen wären ihre chronikalischen Angaben über Zeit und Ort der Aufführung, Besetzung, Aufnahme beim Publikum und Ähnliches, erwünscht. Die Aufführungen der beliebtesten Stücke, die ich im Osten gesehen habe, gaben trotz oft trefflicher Einzelleistungen nie ein annähernd befriedigendes Ganze. Um ihren Bühnengehalt voll ausschöpfen und richtig abschätzen zu können, war ich zu einem eigenartigen — aber auch einzig möglichen — Verfahren genötigt: sie in eigener Inszenierung gleichsam vor dem geistigen Auge sich abspielen zu lassen» Wenn auch alle diese Umstände die wissenschaftliche Arbeit erschweren, so bietet doch das vorhandene Material genug Unterlagen, um mit den Mitteln der im vorhergehenden Aufsatz angedeuteten psychologischen Forschung Gordins Bedeutung für die Entwicklung des jüdischen Theaters zu beleuchten. Berlin-Steglitz Michael Weichert (Fortsetzung folgt)

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