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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 1 · p. 30

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 1
Article
Jakob Gordin und das jüdische Theater
Date
1918-01-01
Page
30 (sequence 4)
Language
German
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30 Michael Weichert: Daß er russische Artikel für ein Sonntagsblatt (Nedielja) schrieb, ist ziemlich belanglos. Aber ein schwer zu bändigender Tätigkeitsdrang, von einem starken sozialen Pflichtbewußtsein getragen, trieb den Rastlosen von einem Ort an den andern, von einem Beruf zum andern. Den von Tolstoischen Ideen erfüllten jungen Revolutionär dünkte der alte Bau der jüdischen Religionsgemeinschaft morsch und brüchig; durch die Verbindung mit den Idealen des Urchristentums glaubte er ihm neue, tragfähige Stützen zu verleihen. So gründete er im religiösen Reformeifer 1880 im sektenreichen Rußland eine neue Sekte: duchownobiblejskoje bratstwo (geistlich-biblische Brüderschaft), die weder bei Christen noch bei, Juden eine merkbare Förderung fand. Die wirtschaftliche Unhaltbarkeit des jüdischen Mittelstandes veranlaßte ihn, sich für die Erschließung neuer, natürlicher Erwerbsquellen kräftig einzusetzen. Er beschränkte sich nicht auf die Rolle eines Führers, sondern ging mit tätigem Beispiel voran. So wurde der auf russischem und deutschem Schrifttum Gebildete, der früh gefreit und für eine Familie zu sorgen hatte, Wanderlehrer, Schauspieler, Hafenarbeiter und schließlich Bauer auf einer der jüdischen Kolonien in Rußland und versuchte einige Jahre hindurch der russischen Scholle in saurem Schweiß das heißersehnte Heimatsgefühl abzutrotzen, nach dem er bis nun vergebens rang. Der Plan einer Koloniegründung auf kommunistischer Basis führte den inzwischen in Rußland politisch arg Verdächtigen nach Amerika. Dieser Plan beschäftigte ausschließlich den armen Zwischendeckpassagier des Schiffes „Devonia", das am 31. Juli 1891 vor der Freiheitsstatue Anker warf. Als er aber bald der harten, nüchternen Wirklichkeit des amerikanischen Lebens gegenüberstand, sein Plan bei der Baron-Hirsch-Stiftung die gewünschte Beachtung nicht fand und der Hunger sich immer empfindlicher bemerkbar machte, mußte er sich so rasch als möglich nach einem Beruf umsehen. So verfiel der gebildete Russe, der kaum je ein jüdisches Theater gesehen hatte, den Ratschlägen seiner Freunde folgend, auf die zunächst auch ihm selbst ganz sonderbar scheinende Idee, Stücke für das jüdische Theater zu schreiben. Weder er noch seine Ratgeber mögen damals eingesehen haben, daß in einem Mann von so leidenschaftlichem Drange nach aktiver Betätigung und Gestaltung das denkbar beste Zeug zu einem Theaterschriftsteller steckte. Es weiß jedoch ein guter Kenner des Theaters, Robert Hessen, in seiner „Dramatischen Handwerkslehre" von einem ähnlichen Mann zu berichten, ,,der jahrelang die Schwarmgeister innerhalb der damals erst werdenden sozialdemokratischen Partei bändigte, die Fäden jeder Intrige zerriß und jeder Situation Herr blieb, bis er eines Tages des Treibens müde war und hinging, um ohne weiteres erfolgreiche Lustspiele zu schreiben". Und Gustav Freytag schreibt in seiner „Technik des Dramas", wer in den Händeln der Welt seinen Mann gestanden habe, werde auch die Handlung seines Dramas unterhaltend und spannend zu führen wissen. „Sibirien" hieß das erste Stück, das Gordin der jüdischen Bühne bescherte. Daß es bahnbrechend gewirkt hätte, kann man nicht behaupten. Vielleicht ist daran der lange Leidensweg schuld, den dieses Erstgeborene der Gordinschen Muse vom Schreibtisch bis zum Rampenlicht zurücklegen mußte. In heller Begeisterung und mit tiefer Ehrfurcht ging er — wie er in einer kurzen autobiographischen, in der erwähnten Sammlung erschienenen Skizze: „Wie ich Dramatiker wurde" berichtet — an die Arbeit, und in kurzer Zeit war ein realistisches Theaterstück fertig. Der langersehnte Tag der Leseprobe kam. Zitternd betrat

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