Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1918-01-01 · Heft 1 · p. 29

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 1
Article
Jakob Gordin und das jüdische Theater
Date
1918-01-01
Page
29 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3101111-3101137-3101139-3103176--2294-3103223
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Jakob Gordin und das jüdische Theater 29 Ganzen voranzustellen. Die Rolle blieb der leitende Gesichtspunkt bei den Bearbeitungen der Klassiker, die sie für den Hausbedarf von den verschiedenen Dramaturgen vornehmen ließen. Aber nicht die seelischen oder gar die geistigen Momente der Rolle zogen sie an, sondern die roheste Theatralik, die man nach dem Ausmerzen aller bedeutsamen Elemente aus einer Shakespeareschen oder Schillerschen Gestalt noch immer herausholen kann. Für die geistige Einstellung der Schauspieler ist bezeichnend, daß dieser klassische Import nebst „Romeo und Julia", „Richard III.", „Der Kaufmann von Venedig", „Julius Cäsar", „Hamlet", „Othello" „Macbeth", „Don Carlos", „Maria Stuart", „Wilhelm Teil", „Turandot", „Faust" u. a. auch des Alexander Dumas fils „Kameliendame" und Hermann Sudermann umfaßte*). Eine einmal von Goethe ausgesprochene Befürchtung, es könne „durch die Vereinigungen der verschiedenen Gattungen eine Konfusion im Urteil des Publikums entstehen, welche die Ausbildung eines wahrhaften Kunstgeschmacks verhindere", durfte bei dem Sprung von den Schwindelpalästen der historischen Oper in die königliche Welt Shakespeares die Gemüter nicht ängstigen. Das Publikum war wie vor den Kopf gestoßen, begriff nichts, hatte kaum eine Ahnung von den gröbsten Umrissen der äußeren Handlung, bewunderte aber die vielen Talente, Talentchen und Fertigkeiten der Stars, die zur Entfaltung gelangten, und deutete sich im übrigen alles nach der Art der historischen Oper. Wieder einmal erwies sich die Spekulation auf die grenzenlose Naivetät dieses idealsten aller Zuschauerkreise für eine Zeitlang ertragsfähig. Als der Reiz der Neuheit verflogen war, das Publikum sich nicht mehr düpieren ließ und wenigstens eine Forderung an das Theaterstück mit Recht stellen zu dürfen glaubte: daß es den Vorgängen auf der Bühne folgen könne, schien die Lage verzweifelt. Vergebens schaute man sehnsüchtig nach Hilfe aus. Die Wortgewaltigen blieben stumm. Die sich inzwischen regenden Geister in der jüdischen Literatur dünkten sich viel zu gut, um sich in den Dienst des Volkstheaters zu stellen, oder schufen — wie Mendele — in Verkennung der primitivsten Forderungen der Bühne theaterfremde Produkte. Noch war die Zeit nicht reif, das große Drama hervorzubringen. Noch bedurfte es eines Mittlers, der die widerstrebenden Kräfte zusammenfassen sollte. Wieder einmal sahen die galligen Propheten den Untergang des Theaters kommen. Da kam unversehens Hilfe. Von einer Seite, von der man es am wenigsten erwartet hätte. Als der im Jahre 1853 in Mirgor^d (Poltawer Gouvernement) geborene Jakob Gordin als Achtunddreißigjähriger nach Amerika einwanderte, hatte er noch kein Theaterstück auf dem Gewissen, keinen Entwurf im Reisekoffer. Aber so ganz ohne Vergangenheit war dieser Mann doch nicht. Wenn sie auch auf ganz anderen Gebieten zu suchen ist, als auf dem des Theaters. *) Eine dramaturgische Bearbeitung eines Klassikers liegt mir nicht vor, aber die Aufzeichnungen, die uns einer dieser Bearbeiter, M. Seifert, mit lobenswerter Aufrichtigkeit in der einzigen, im Jahre 1897 in der Sammlung „Di jidise bihne" erschienenen 40 Seiten starken Chronik des jüdischen Theaters überliefert hat, lassen den Wert dieser Elaborate ahnen. Auch hier muß vorläufig die psychologische Betrachtungsweise genügen. Dem Theaterhistoriker bleibt es vorbehalten zu untersuchen, wieweit diese „Verballhornungen" hinter, den Bearbeitungen zurückstehen, die der Erwecker Shakespeares in Deutschland, der Schauspieler und Freimaurer F. L. Schröder, für das deutsche Bürgertum des ausgehenden XVIII. Jahrhunderts unternahm, und welche Ähnlichkeiten sie anderseits mit den Aufführungen der englischen Komödianten und der deutschen Banden des XVII. Jahrhunderts aufweisen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.