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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 1 · p. 28

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 1
Article
Jakob Gordin und das jüdische Theater
Date
1918-01-01
Page
28 (sequence 2)
Language
German
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28 Michael Weichert: Die übrigen Autoren waren aus Konkurrenzgründen ferngehalten. Abraham Goldfaden*), der Schöpfer dieser Richtung und der Vater des jüdischen Theaters, der einzige Mann, der sich durch eine fruchtbare, erfindungsreiche Phantasie und durch einen ausgeprägten Sinn für theatralische Volkskunst vorteilhaft von seiner Schule abhob, war vor kurzem in New York angelangt. Aber auch ihm versperrten die Privilegierten den Weg zur Bühne. Unter dem Vorwand, daß seine Produktion im Sinken begriffen sei und daß er zur Herstellung eines Theaterstückes einer für die amerikanischen Verhältnisse ungewöhnlich langen Zeit — etwa eines halben Jahres — bedürfe, fand er die Tore zu beiden, zu jener Zeit bestehenden New-Yorker Theatern verschlossen. Der wahre Grund bestand darin, daß das inzwischen zu unbeschränkter Selbstherrlichkeit aufgeblühte Regiment der Stars die Unterordnung unter den Willen einer überragenden Persönlichkeit nicht duldete. Tief gekränkt zog sich Goldfaden zurück und ging wieder nach Europa. In dieser Not griff man nach jenem Hilfsmittel, das zu jeder Zeit der Ebbe in der dramatischen Produktion auch anderen Bühnen — wie z. B. der jungen deutschen Brahmbühne des heraufkommenden Naturalismus — willkommen war und ist: nach den Erzeugnissen fremdsprachiger Literaturen. Daß sie zugleich Kinder anderen Geistes waren, übersah man zunächst. Auf den grundlegenden Unterschied in der geistigen Einstellung des jüdischen und nichtjüdischen Zuschaüers wurde bereits hingewiesen. Aber daran nahmen die Theaterleiter keinen Anstoß, als sie mit kühner Hand nach Shakespeare, Schiller, Grillparzer u. a. griffen. Sie rechneten es sich vielmehr als ein hohes nationales und allgemein menschliches Verdienst an, die klassische Weltdichtung der jüdischen Bühne erschlossen zu haben. In Wirklichkeit war es ein dem Konkurrenztreiben der Warenhausbesitzer abgegucktes Verfahren, eine erfolgreiche theatralische Ware auf den Markt zu bringen. Dasselbe Streben, von einem mißverstandenen chauvinistischen nationalen Ehrgeiz, den anderen Völkern gleichzutun, genährt, veranlaßte noch anno 1912 einen jüdischen Theaterleiter, sein neuerbautes Haus mit „Oedipus" eröffnen zu wollen, weil aus „Jurop" die Kunde drang, daß ein Reinhardt mit der Griechentragödie einen Riesenerfolg erzielte; ein Versuch, der an der Unzulänglichkeit der Mitttel der jungen Bühne scheiterte und noch während der Proben aufgegeben wurde, um durch ein Stück betitelt „Solimo" oder ,,Die Juden im Kaukasus" ersetzt zu werden. Damals — in den neunziger Jahren — wirkten aneifernd die Amerikaerfolge der Glaubensgenossen Sonnenthal und Barnay, die es aus ärmlichen Verhältnissen zu Weltgrößen gebracht hatten, und nun dank den klassischen Gestalten Lorbeeren um ihr Haupt und Dollars in ihre Taschen häuften. Was die Stars der jüdischen Bühne an den Klassikern lockte, war nicht der Ewigkeitsgehalt der Dichtungen, nicht Aufgaben einer tieferen Menschendarstellung. Bei ihrer beispiellosen Unbildung waren sie außerstande, jene Höhenpunkte der klassischen Dichtungen aufzuspüren, an denen das Drama und das Theater die seltene intime Verbindung feierten. Sie trieb der Rollenhunger zu immer neuen Experimenten. Für sie war die „Rolle" der furchtbar einfache Exponent des ungemein komplizierten Theaterwerkes. Da die Stars zugleich Direktoren ihrer Gesellschaften waren, lag bei dem sprichwörtlichen Eigendünkel der Mimen die Versuchung nahe, die Rolle den Interessen des *) Goldfadens Bedeutung soll in einem besonderen Aufsatz gewürdigt werden.

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