Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Erinnerungen an Tschlenow
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 26 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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26 M. J. Bodenheimer: Erinnerungen an Tschlenow greß eine Erklärung dazu abgibt. Auch muß beschlossen werden, daß die Mitglieder des Aktionskomitees sich der Abstimmung zu enthalten haben. Eine Erörterung lasse ich nicht mehr zu." Das Aktionskomitee nahm die Vorschläge Herzls an. Vergeblich protestierte Tschlenow. Nur in einem Punkte drang er durch. Über den Bericht der Expedition und die endgültige Annahme des englischen Angebots sollte ein außerordentlicher zu diesem Zwecke einzuberufender Kongreß entscheiden. Dies war ein Sieg, dessen Folgen später in die Erscheinung traten. Herzl hatte es durch seine Taktik meisterhaft verstanden, die Minderheit des Aktionskomitees in Fesseln zu schlagen, die leicht im Kongreß eine Mehrheit werden konnte, da ihr Standpunkt auf den tiefsten Empfindungen der Massen ruhte. Die Delegierten wurden bei der Abstimmung ihrer Führer beraubt. Dies hat Tschlenow Herzl niemals vergessen. Die Tagung von Charkow war die Antwort darauf. Vorher ereignete sich aber etwas Seltsames. Unbekannte Seelenkräfte wirken im Unbewußten und veranlassen zuweilen Handlungen von weltgeschichtlicher Tragweite. Tschlenow hatte sich schweigend dem Beschlüsse des Aktionskomitees gefügt. Bleich vor innerer Erregung und in bitterer Seelenqual folgte er der Abstimmung, die unter atemloser Spannung des Kongresses durch Namensaufruf stattfand. Sie ergab mehr und mehr einen Sieg Herzls. Ich saß in nächster Nähe Tschlenows und fürchtete jeden Augenblick einen Ausbruch seines verhaltenen heiligen Zornes. Er aber hielt sich krampfhaft bis zur Verkündung des Ergebnisses. Da war er am Ende seiner Kraft. Er brach körperlich zusammen. Mechanisch erhob er sich, um den Saal zu verlassen. Dies betrachteten die übrigen Mitglieder der Opposition im Aktionskomitee als ein Zeichen und erhoben sich gleichfalls, um ihm zu folgen, und Mann für Mann schlössen sich die Neinsager an. So kam es zum Auszug der Palästinatreuen, der Herzl zwang, mit den Gegnern zu verhandeln und ihren Wünschen nachzugeben. So war Tschlenow mit einem Schlage zum Führer der russischen Zionisten geworden. Was ein Spiel des Zufalls schien, wurde Schicksal. Tschlenow ist der Führer geblieben und fand immer allgemeinere Anerkennung. Seine Charakterstärke, seine Treue, seine vorbildliche Gewissenhaftigkeit in der Prüfung aller praktischen Fragen führten ihn an die Spitze der Weltorganisation. Welche persönlichen Opfer dies von ihm forderte, vertraute er mir unter vier Augen an, als ich selbst in einem Augenblick der Schwäche mich über die Last beklagte, die mir der Vorsitz des Jüdischen Nationalfonds auferlegte. Nicht nur, daß er den reichlichen Ertrag seiner ärztlichen Praxis im Stiche ließ, er arbeitete jahrelang fern von seiner Familie, die er aufs innigste liebte, im Interesse der allgemeinen Sache. Nie habe ich ihn sonst darüber klagen hören. Den Ernst und die Größe seiner Seele lernte ich bei der Arbeit im Direktorium des Nationalfonds schätzen. Er verlangte von sich schier Unmögliches. Es genügte ihm nicht, den Sinn eines Planes zu erfassen. Er mußte auch die Einzelheiten beurteilen, wozu Fachkenntnisse erforderlich waren, die ihm fehlten. Er arbeitete unermüdlich, um wenigstens die wesentlichen Gesichtspunkte des Faches zu beherrschen, die ihm ein Urteil ermöglichen sollten. Dies erschwerte irianchmal die Verhandlungen, gab aber die Zuversicht gewissenhaftester Überlegung. Als Gegner vermied er jede persönliche Schärfe, war aber auch tief gekränkt, wenn man ihm gegenüber den Boden sachlicher Kritik zu verlassen schien. Am schönsten war es, Tschlenow bei der Arbeit in Palästina zu sehen. Dies Glück hatte ich im Frühling 1912. Tschlenow machte zur Feier seines