Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Erinnerungen an Tschlenow
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 25 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Erinnerungen an Tschlenow 25 Es war kein kleinlicher Parteizank, der sonst wohl hie und da den Gegenstand der Auseinandersetzungen auf der Rednertribüne bildete. Großes schien im Werden. An Stelle der versagten Landkonzession auf El Arisch, das ägyptische Küstengebiet zwischen dem Nil und Palästina, hatte der englische Minister Chamberlain den Zionisten Siedlungsland in Zentralafrika unter eigener Autonomie angeboten. Der Kongreß sollte sich hierüber entscheiden. Zum ersten Mal seit der Zerstörung des Tempels sollte das jüdische Volk seine eigene Erde bebauen, die nationale Fahne auf eigenem Boden aufpflanzen dürfen. Die Versuchung war groß. In allen Landsmannschaften tobte der Meinungskampf. Der Autorität Herzls stellten sich zum ersten Male außer Ussischkin andere russische Führer entgegen. Unter diesen ragte Tschlenow durch die Ruhe und Klarheit seines Urteils hervor. Den Sturm in den Tiefen seiner Seele konnte man nur ahnen. Mit einer gefestigten Überzeugung betrat er die Tribüne. Seine durch ihre ruhige Sicherheit hinreißende Rede schloß mit den geradezu prophetischen Worten: „Wir sind keine Hascher nach raschen Erfolgen. Wir werden warten, bis der Moment kommt, der in unserm Programm und auf unserer Fahne steht. Wir bitten darum unsere Führer: Sie haben das Glück gehabt, von den Vorstehern der großen britischen Nation verstanden zu werden — gehen Sie vor diese Nation und sagen Sie ihr, daß Zion unsere Heimat ist — sie wird uns ihre Hilfe zur Erreichung unseres Zweckes nicht versagen!" Das Schlagwort vom „Nachtasyl" des jüdischen Volkes, das Nordau prägte, die Wendung, die Zangwill dem Plane gab, daß es ein diplomatischer Umweg nach Palästina sei, konnten Tschlenow nicht irre machen, nachdem er sich einmal seine Überzeugung gebildet hatte. Jedermann wußte, was auf dem Spiele stand. Der Führer konnte stürzen. Aber der Zionismus stand Tschlenow höher. In den Landsmannschaften fand man schließlich einen Ausweg. Das englische Angebot sollte einer politischen Kommission übergeben werden, die berechtigt sein sollte, eine Expedition zur Erforschung des Landes zu entsenden. Nur eine Landsmannschaft wehrte sich verzweifelt, die bedeutendste, die russische, an ihrer Spitze Tschlenow und Ussischkin. Die Anhänger Mandelstamms unterlagen. Nun sollte das Schicksal des Antrags entschieden werden. Das große Aktionskomitee tagte in dem Verschlag hinter dem Kongreßsaal. Wie ferne Meeresbrandung tönte das Geräusch der erregten Masse in das Zimmer. Tschlenow wiederholte mit Ruhe, aber zäher Beharrlichkeit seine Bedenken. Da ergriff Herzl das Wort: er lasse sich nicht irreführen, er sei mit einer politischen Kommission nicht einverstanden, die dem englischen Vorschlag nur ein ehrenvolles Begräbnis bereiten werde. Die Expedition müsse sofort beschlossen werden. Die Kommission könne nur einen beratenden Charakter haben. Auf etwas anderes lasse er sich nicht ein. Tschlenow erwiderte, das sei eine grundsätzliche Änderung. Bisher sei nur von einer politischen Kommission die Rede gewesen, über eine Expedition müßten die Landsmannschaften aufs neue beraten. In diesem Augenblick betrat Schalit das Zimmer und berichtete, daß der Kongreß ungeduldig werde und Nordau die Sitzung eröffnen wolle. Da ergriff Herzl mit heftiger Gebärde den Blaustift, strich den entscheidenden Passus aus und gab der Resolution die später vom Kongreß angenommene Fassung. ,,Jetzt ist keine Zeit mehr über Worte zu diskutieren, der Kongreß mag entscheiden. Dies ist der Vorschlag des Aktionskomitees. Ich verlange, daß kein Mitglied des Aktionskomitees auf dem Kon-