Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Erinnerungen an Tschlenow
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 27 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Michael Weichert: Jakob Gordin und das jüdische Theater 27 fünfzigsten Geburtstages mit Frau und Tochter die längst geplante Reise. Eine stille Freude verklärte ihn, ohne die Fähigkeit seines Urteils zu schwächen. Über alles Maß begeisterte uns alle das neugeborene Hebräertum, das Wunder einer auflebenden Sprache. Eine gewaltige Menge erfüllte die Aula des hebräischen Gymnasiums in Tel-Awiw, wo zu unseren Ehren eine Begrüßungsfeier stattfand. Zaghaft begann Tschlenow seine Rede. Die sefardische Aussprache der andern Redner machte ihn ängstlich. Es bereitete ihm eine besondere Freude mitzuteilen, daß ich auf das Wort verzichtet habe, weil ich es für angemessen hielte, daß in dieser Halle nur in hebräischer Sprache geredet v/ürde, und daß ich hoffte, bei meinem nächsten Besuch nicht der Beschämung ausgesetzt zu sein, schweigen zu müssen. Tschlenow verschloß sein Auge keineswegs vor den Mängeln des Jischub. Sein Buch über die Reise ist dessen Zeuge. Besonders verdroß ihn die Landr Spekulation in den Kolonien und in Tel-Awiw. Er sah aber bald ein, daß dies die Folge einer verfehlten Bodenpolitik sei und daß auch bei städtischen Siedlungen der Grundsatz des Nationalfonds, die ewige Pacht, festgehalten werden müsse. - Ein Vorgefühl künftigen nationalen Glückes erfüllte uns, als wir einen wunderschönen Nachmittag im Hause und Garten eines angesehenen Kolonisten von Rischon- Lezion verbrachten. Es erinnerte mich an die herrlichen Stunden, die ich in Begleitung Herzls 14 Jahre zuvor in Rechowot verlebte. Das jüdische Leben war in einer mächtig aufstrebenden Entwicklung, die wir augenscheinlich beobachten konnten. Da kam der unselige Weltkrieg, der alle gesponnenen Fäden zerriß und uns in der ganzen Welt durcheinanderwirbelte. Wir waren eben im Begriffe uns wieder zusammenzufinden, als die neue Wendung der Dinge die Aussicht eröffnete, den Preis unserer Mühe zu ernten. Da raffte ihn der Tod hinweg — mitten aus dem Schaffen, kurz vor der Krönung seines Lebenswerkes, in der Fremde, wie so manchen der Unsrigen. Judenschicksal. Köln M. J. Bodenheimer JAKOB GORDIN UND DAS JÜDISCHE THEATER er erste Vorstoß gegen die Vorherrschaft der „historischen Oper"*) erfolgte JL^aus den Kreisen der Schauspieler. Die Stars wurden überdrüssig, jahraus, jahrein dieselben Rollen zu „kreieren", immer von neuem am Versuch zu zerschellen, diesen blutleeren Gebilden einer sterilen Phantasie neue, interessante Seiten abzugewinnen. Bei aller Vorliebe des Zuschauers für das gepflegte Genre schien sich doch bei ihm ein leises Bedürfnis nach Abwechslung — jener Grundforderung in der Dosierung der theatralischen Nahrung — zu regen. Schließlich mag die Hoffnung mitgewirkt haben, durch durchgreifende Änderungen im Repertoire auch jene Kreise Halbgebildeter und Gebildeter zu gewinnen, die bis nun dem Theater fremd gegenüberstanden. So ging man auf die Suche nach neuen Stücken. Die „privilegierten Dramaturgen" hatten, was sie konnten, schon hergegeben und waren allezeit bereit, die Themen der historischen Oper bis zum Ekel abzuwandeln; etwas anderes zu schaffen, lag außerhalb ihres Vermögens. *) Diese Darstellung schließt sich dem im Novemberheft des „Juden" erschienenen „Zur Entwicklungsgeschichte des jüdischen Theaters" überschriebenen Aufsatz unmittelbar an.