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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 1 · p. 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 1
Article
Gottes Volk
Date
1918-01-01
Page
22 (sequence 3)
Language
German
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22 Ernst Elijahu Rappeport: Das doch ist der große Unterschied zwischen uns Juden und den verschiedenen Heiden, daß die Heiden Bekenntnisse, Glaubensbekenntnisse haben, wir aber lebendige Religion. Was ist Glaubensbekenntnis? Ist es das innerlichste Jasagen der Seele zu Gott und seiner Weltordnung? Nein! Es ist das Verschließen gegen das Recht, Gott aus seiner Lehre und aus seinen Stimmen selbst anzusehen, das Übertragen dieses Rechtes an die Dogmatiker des Glaubens. Da Awraham Gottes Worten „gla ubete" und er nahm wahr), daß er einen Sohn gewinnen sollte in seinem hohen Alter, da ward ihm dies Wahrnehmen gerechnet als Werk der Gerechtigkeit.*) Ist das etwa jener Glaube, in dem die Heiden selig werden, die sich das Unglaubliche und Schwerglaubliche zu glauben zwingen, um von Gott Lohn dafür zu empfangen? Ist das der Glaube, der Wesenheiten glaubt, statt sie zu kennen? Der „für-wahr-hält" statt „wahr-nimrnt"? Nein! Der fromme Jude kennt die Kategorie des Glaubens nicht, denn es ist er selber, den er glaubt Ich bekenne, wiewohl Birnbaum mich mit Recht Heidenjude nennt, daß auch ich die Kategorie des Unglaubens nur dem Begriff nach, nicht aber in mir kenne. Gott ist mir wahrhaftiger als alle kausale Weltordnung, wie soll ich erst zu dem Glauben gelangen, daß Gott Awraham gesegnet und zu ihm gesprochen? Die Geschichte meines Tages ist es ja, die mir widerfuhr, als Gott zu Awraham sprach und ihn segnete! Kann ich an meinem Sein zweifeln, weil ich mich meiner Geburt nicht mehr entsinne? Gegensatz des Zweifels, das ist jener Heidenbegriff des Glaubens. Was aber hat der Begriff des Glaubens im jüdischen Garten zu tun? Damit lasset die Heiden ihren Acker düngen wie bisher, aber Jeschurun kennt keinen Glauben, denn er hat niemals angefangen zu zweifeln. Zu mir hat Gott gesprochen und ich habe zu Gott gesprochen, also kann ich nicht zweifeln und also kann ich auch nicht glauben. Und es handelt sich bei der von den Huojlim geplanten Glaubenshüterschaft wahrlich nicht bloß dem Worte nach um Glauben statt Lehre. Die Institution der Glaubenshüterschaft ist religiös gleichbedeutend mit irgend einer heidnischen Kircheneinrichtung, und dem Kirchen- und Priesterwesen widerspricht die jüdische Religiosität grundsätzlich. Als religiöse Individualität kann niemand vertreten werden. Kaum geleitet und geführt kann der einzelne Jude von einer bestellten Organisation werden, denn in der allerpersönlichsten Erfüllung des Lebens mit Gott-hingegebener Inbrunst allein liegt das Wesen jüdischer Religiosität. Die Glaubenshüterschaft soll vor allem Gesetzeshüterschaft und Gesetzesrichterschaft sein. Waren die Glaubenshüter vom Gesichtspunkte des Glaubens aus Urheiden, so sind sie vom Standpunkt der Gesetzrichterlichkeit in dieser oder jener Weise Reformer. Wie aber steht es dabei um das göttliche Gesetz? Wo das jüdische Volk in freier Entfaltung lebte, da gab es göttliches Gesetz und durch seine Lebendigkeit geheiligten Brauch. Da jegliches Geschehen und jeder Brauch der Juden unter göttlichem Gesichtspunkte betrachtet wurde, so verwob sich bald Gott-gegebenes Gesetz und geheiligter Brauch. Da aber an Stelle lebendiger Entfaltung hütende Konservierung trat, da waren Gesetzeshüter zuerst am Werk. Ihr Werk ist es, daß der Schritt der jüdischen Massen nicht mehr heilig, sondern in hunderterlei Gesetze gebunden war. Wohl müssen wir ihnen, die das Material des Volkes und das Volk als Material widerstandsfähig gemacht haben, tiefen Dank zollen, aber auch nur, soferne wir das Volk *) Man erinnere sich, mit welchem Aufwand Paulus und die anderen Heidenlehrer sich bemühten, aus diesem Bibel wort Stütze für ihre Glaubenslehre zu finden.

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