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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 1 · p. 21

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 1
Article
Gottes Volk
Date
1918-01-01
Page
21 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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Gottes Volk 21 Volkes. Sondern Judenheit und jüdisches Volk, das sind Fiktionen, deren Wesenheit allein Jeschurun ist. Jeschurim ist Wesenheit, Judenheit ist Begriff. Begriffe sind blutleere Schemen, Jechurun ist „Wesen vom höchsten Hauch", Wesen, in dem „Ruach Haschern", „Ruach ha-kodesch" ist. Dieser zwiefache Blick, der entweder Begriffe oder Wesenheiten sieht, kommt ja nicht dem jüdischen Volke allein zu, bezieht sich nicht auf Jeschurun allein, aber dem jüdischen Volke wie keinem ist dieser zwiefache Blick nicht bloß Erkenntnis der höchsten Erhebungen, sondern wahrhaft volkstümlich. Dieser zwiefache Blick gibt sich kund, da Moscheh das Volk ansieht als eines, dessen Übelgeschmack ihm den Gaumen verklebt, und erschaut als das Gott-bräutlich einzige. Dieser zwiefache Blick wird in den Propheten zum Schrei, er reißt Paulus zu Wahnsinn. Er tönt in des Spinoza Gedanken und wir finden ihn bei Heine. Dieser zwiefache Blick reißt jüdische Renegaten zum Eifer für Jeschurun zurück. Dieser zwiefache Blick läßt Tausende in Kram versinken durch sechs Tage der Woche und erhebt sie über alle Tage und Zeiten am siebenten. Soweit ich nun das jüdische Volk als Material ansehe, von außen, wie ein zu bauendes Haus, muß ich die Erscheinung der Schrift Nathan Birnbaums bejahen und begrüßen. Nicht zwar in ihren Einzelheiten und besonderen Absichten, aber in dem Grundton ihrer Absicht. Mit diesem Grundton meine ich das Ersehnen, daß die Geschicke des jüdischen Volkes nicht ausgehen möchten von einer europäisierten und verheideten Judenschaft, sondern von der überlieferungstreuen Judenschaft als dem eigentlichen jüdischen Volke. Das ist das Positive dieser Schrift, das ich mit Freuden begrüße, daß in ihr die Sehnsucht groß ist nach einem stürmischen Überranntwerden durch die Volksmasse. Ja, wenn das kommen wollte, daß wir Heidenjuden, wir wirklich und wahrhaftig verheideten Juden, von religiös inbrünstiger Bewegung, auf gesetzestreuem Boden geboren, überrannt würden, daß aus der Gesetzestreue und trotz ihrer sterilen Tendenzen die Blume erblühte, deren Geruch uns alle gemeinsam trunken machte! Zwei Fragen legt Birnbaums Schrift mir auf: Ist der Weg der „Huojlim", der „Aufsteigenden", der, der dem Maschiach freie Bahn macht? Und: Kann ich den Weg der Huojlim gehen? Die Huojlim, wie sie Nathan Birnbaum in seiner Schrift uns bekannt macht, sehen das Volk als Material. Und nicht einmal als Material im höchsten Sinne, denn der Einzelne hat hier nicht gleichen Ruach in sich, wie die „Glaubenshüter", oder gar der Glaubenshüter Oberste. Das jüdische Volk als Material sehen, das heißt aber mit den Augen des Heiden sehen, denn es heißt messen, wägen und zählen. Da König David das Volk als Material ansah, es zu zählen, sandte Haschern Pest. Der Heidenrebelle in mir, der das Volk als Material sieht, das seinen Wünschen unterworfen ist, sagt ja, wenn auch nicht zu der Glaubenshüterschaft schlechtweg, so doch zu der Absicht, die Orthodoxie für jüdischen Gemeinsinn zu entflammen. Der Jude in mir aber entsetzt sich nicht allein vor der Glaubenshüterschaft, sondern auch vor dem heidnischen Blick, mit dem die Huojlim an ihren Aufstieg gehen. Und gar der Begriff der Glaubenshüterschaft! Ich will zunächst absehen von der tatsächlichen Institution solcher Hüterschaft. Aber Glaube! Der Begriff des Glaubens! Er allein schon ist es, gegen den sich mein Judentum empört. Nicht das Heidentum in mir, denn aus der Rüstkammer des Heidentums ist der Begriff des Glaubens. Glauben ist keine religiöse Macht, keine seelische Kraft, nicht ein Element jüdischen Geistes und nicht geboren aus jüdischem Blut.

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