Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der Jude und der Bourgeois
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 19 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jude und der Bourgeois 19 mir keine Frage. Man sehe, um nur die letzte, der Beobachtung am wenigsten zugängliche, zu erwähnen, wie sich die Söhne der jüdischen Bourgeoisie zum Richterberuf drängen: nicht aus Begeisterung für das Amt und auch wohl nicht wegen des gesellschaftlichen Ansehens, das nicht so hoch ist, daß dadurch die Mühseligkeiten und Demütigungen belohnt würden, sondern einfach deshalb, weil diese Karriere nur einer kleinen Minderzahl von Juden offen steht Würde der Staat es eines Tages vorziehen, lieber Juden als Nichtjuden zu Richtern zu ernennen, keiner von allen, die sich heute dazu drängen, würde den Beruf erwählen. Diese Denkart ist natürlich nur eine Äußerung der Bourgeoisnatur und hat mit dem nationalen Charakter des Judentums nichts zu tun. Aber gerade dafür wird sie fälschlich ausgegeben und auf allen Gassen hört man die Bourgeoisuntugenden: innere Unaufrichtigkeit, Snobismus, Streberei, Neigung zum Standeswechsel — als jüdische Laster ausschreien, weil man den Juden nur vom jüdischen Bourgeois her kennt. So läßt sich noch eine Reihe von Eigenschaften aufzählen, die der jüdischen, und natürlich, wenn auch nicht immer ebenso deutlich, der nichtjüdischen Bourgeoisie angehören, aber als jüdische Grundcharaktere — und oft mit welch ernster Forschermiene — hingestellt werden. So die leichte Anpassungsfähigkeit, die dem Bourgeois durch sein Lebenselement, in dem er entstand und in dem allein er gedeiht, nämlich durch die moderne Geldwirtschaft, mitgegeben wurde. Nur das mobile Kapital ermöglicht es, nicht bloß den Ort, sondern auch den Zuschnitt der Existenz ganz nach eigenem Geschmack zu wählen; der Bauer, der sein Gut, der Bürger, der Geschäft und Haus erbt , der Offizier, der Beamte und der Edelmann sind an bestimmte Muster gebunden. V.\vs Wunder, daß nur der, der sie gebrauchen kann, die Anpassungsfähigkeit an fremde Lebensformen erwirbt? Der Bourgeois ist kein Pfennigfuchser: er ist geschäftstüchtig, verdient leicht und gibt gern und reichlich — die Großzügigkeit und der berühmte Wohltätigkeitssinn reicher Juden hat also neben nationalen auch eine bourgeoise Wurzel, aber ihre Schattenseite stammt sicher nicht aus der Denkart des Judentums, sondernder Bourgeoisie. Dort erzeugt die dauernde Unsicherheit ein das ganze Seelenleben durchziehendes Selbstmitleid. Dies, gemischt mit der Gefühlsunaufrichtigkeit, ergibt das süßlich-fade Gebräu, dessen Geschmack man so oft auf der Zunge hat, wenn man aus jüdischer Bourgeois-Gesellschaft komnt — die Sentimentalität. Der jüdischen Bourgeois-Sentimentalität verdanken wir manches kostbare Kapitel. Die Frage ist schon alt, wie es kommt, daß die Juden, die so klare Köpfe und so vorzügliche, sachliche Geschäftsmenschen sind, sich fast stets, wenn sie sich in die Politik mischen, so fürchterlich dumm und plump benehmen, ihrem Gegner nützen und sich selber schädigen. Wobei natürlich nur jene Politik gemeint ist, an der die „assimilierten" jüdischen Bourgeois sich beteiligen. Die Lösung des Rätsels liegt in der Sentimentalität dieser Menschenklasse. Sentimentalität bedeutet nämlich unter anderem das Bedürfnis, gerade an der Stelle Gefühl aufzuwenden, wo es am wenigsten hingehört, also auch in der Politik. Darum wird Politik, die nur eine Frage des Intellekts und der Nerven sein soll, von der jüdischen Bourgeoisie fast ausschließlich mit dem Gefühl betrieben. Sie ist auch danach, und die üblen Folgen haben nicht nur ihre Urheber, sondern das ganze Judentum tragen müssen. Hat ein Politiker oder eine politische Richtung sich dahin geäußert, daß die Juden eigentlich auch Menschen seien, so ist das politische Judentum auf ihre 2*