Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der Jude und der Bourgeois
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 18 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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i8 Hanns Sachs: Welt die Komödie einer Anteilnahme an Dingen vor, die ihm im tiefsten gleichgültig sind, und stürzt sich begierig auf alles, was der Modekultur gerade hoch und teuer ist. Also, erste Konsequenz: Der Bourgeois ist unaufrichtig. Der Engländer, von dem Fontane sagt: er spricht von Jesus und meint Kattun, ist nur eine Spielart des Bourgeois. Unsere Spielart spricht von Nietzsche und meint Coupons. Wenn mir ein junger Graf und ein Bankdirektorssohn von Rainer Maria Rilke vorschwärmen, so werde ich dem Grafen seine Begeisterung ohne weiteres glauben, dem anderen gegenüber eine gewisse Reserve bewahren. Nicht weil ich glaube, daß Grafen kunstempfänglicher sind, sondern weil ich weiß, daß sie keinen Anlaß haben, mir etwas vorzuspielen, was sie nicht empfinden. Sich mit den Interessen seines Standes und Berufes, der Vollblutzucht etwa, zu begnügen, hat für einen Aristokraten durchaus nichts Beschämendes. Was er darüber hinaus tut, muß wohl einem inneren Trieb entspringen. Der andere hingegen will gewiß nicht eingestehen, daß das Saldokonto seinen Gesichtskreis ausfüllt. Es bleibt also zunächst undurchsichtig, ob seine Begeisterung echt ist oder drapiert. Unechtes, affektiertes Interesse wird stets bevorzugen, was ihm wesensgleich ist, also das Unechte, Affektierte, besonders, wenn damit Aufsehen und Erfolg einzuheimsen ist. Daher die zweite Konsequenz: Der Bourgeois ist, wenn er sich geistigen Dingen zuwendet, stets in Gefahr ein Snob zu v/erden. Übrigens bin ich bereit, auch in die Umkehr dieses Satzes zu willigen: Der Snob ist ein verkappter Bourgeois. Es ist begreiflich, daß der Bourgeois mit der Distinktion, die ihm Geld und , für Geld Käufliches gibt, nicht zufrieden ist, daß er nach etwas strebt, was ihn auszeichnet und darüber emporhebt, irgendeinen Stempel ersehnt, eine Prägung, von der jedermann ablesen kann: Dieser und die Seinen sind Auserwählte und sollen nie wieder zu den Namenlosen hinabsinken. So hält er nach allen Seiten Ausschau, ob sich irgend etwas finden läßt, was einen vom Geld unabhängigen Glanz verleiht — eine Assekuranz seiner gesellschaftlichen Stellung. Die dritte Konsequenz ist die Titel- und Ordenssucht des Bourgeois, bei der sich stets die Tragikomödie wiederholt, daß alles, was ihm erstrebenswert erscheint, gerade dadurch, daß er es erlangt, zur Ware herabgesetzt und für ihn entwertet wird. Der Bourgeois macht sich für die Unsicherheit, die er erdulden muß, bezahlt durch die hohe Dosis an Selbstzufriedenheit, die er sich gönnt. In der Bewunderung, die er für seinen Besitz empfindet und als selbstverständlichen Tribut den andern abverlangt, zeigt sich, daß der Parvenü sein nächster Vetter ist. Mit dieser satten Selbstzufriedenheit kontrastirt dann seltsam die doch niemals zu erstickende Unrast, mit der er aus der eigenen Haut, in der er sich so wohl zu fühlen scheint, heraus will. Je einverstandener er mit der eigenen Person ist, desto weniger genügt ihm ihre Stellung, und er sucht sie durch allerlei seltsame Verrenkungen zu verändern. Er will der bleiben, der er ist, und doch auch ein anderer sein, womöglich sich in das Kleid eines anderen Standes hüllen. Daß der Bourgeois dabei nach aufwärts strebt, zum Adel, Offiziersstand und ins hohe Beamtentum, ist selbstverständlich, aber er nimmt auch mit weniger vorlieb, verzichtet, wenn es sein muß, auf gesellschaftlichen Aufstieg, wenn er nur sich selbst entfliehen, die schützende Maske einer neuen Standeszugehörigkeit vornehmen kann. Die vierte Konsequenz ist die Sucht des Bourgeois, in andere Stände einzudringen — am liebsten in solche, die seinesgleichen verschlossen sind, weil er dort seine Bourgeoisherkunft am sichersten verbergen kann. Daß beim jüdischen Bourgeois diese Eigenschaften stark ausgeprägt sind, scheint