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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 1 · p. 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 1
Article
Der Jude und der Bourgeois
Date
1918-01-01
Page
20 (sequence 6)
Language
German
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20 Ernst Elijahu Rappeport: Sache begeistert eingeschworen, gleichgültig, wie unbedeutend oder unnütz sie sonst sein mag. Daß es sich um Macht und Vertrag, um Herrschaft und Freiheit, kurz um konkrete Ziele handelt, die man nur erreicht, wenn man sich das Wollen anderer dienstbar macht, nicht aber, wenn man Sympathiebeweise einsammeln geht, das wird man den in Gemütsduselei Versunkenen schwerlich klar machen. Politische Unfähigkeit, soweit sich Politik nicht mit ökonomischen Fragen deckt, war aber schon längst das Kennzeichen der Bourgeoisie. Hierher, zur Bourgeoisie und nicht zum Judentum, gehört auch die Empfindlichkeit, die vor allem schonungsvolle Formen verlangt und unter dieser Bedingung bereit ist, mit dem Todfeind zu paktieren. Wir brauchen nicht weiter zu gehen, denke ich, obgleich noch zu manchen Punkten: der oft geschmähten jüdischen Feigheit, der angeblichen geistigen Überheblichkeit, der Unausgeglichenheit der Umgangsformen ein Wort zu sagen wäre. Das alles stammt aus derselben Fehlerquelle; hat es uns schon bisher belustigt, so oft wir lesend zu einer Stelle gekommen sind, wo der Autor mit Unfehlbarkeitston dozierte: der Jude ist . . ., der Jude hat . . ., so kennen wir jetzt auch die Ursache seines Irrtums und unserer Heiterkeit. Wir stehen jetzt nur noch vor der Frage, ob wir es auch künftighin bei dieser Heiterkeit bewenden lassen wollen. Wien Hanns Sachs GOTTES VOLK (Zu Nathan Birnbaums gleichnamiger Schrift*)) Auf zweierlei Art kann sich der Blick dem eigenen Volke zuwenden. Einmal kann es neben anderem und in den Klassenordnungen gesehen werden, als wäre es ein „Objekt", wie jegliches Ding und Individuum als „Objekt" betrachtet werden kann. Oder, was dasselbe ist, es kann aufgefaßt werden als ein Besonderes in der Klasse der Menschenvölker, wie man ja sogar die eigene Individualität als Besonderes der Klasse Mensch auffassen kann. (Es ist das Lächerlichste, das dem Verstände anhaftet, daß sich ein Ich ansehen kann, als wäre es ein Besonderes in einer Gattung, aber es ist so.) Dieser Blick sieht das jüdische Volk als Judenheit. Er betrachtet das Volk als Material. Diesem Blick kommt Weihe und Heiligkeit nicht zu, denn er ist das Tor, durch das der Mensch in die Mehrfältigkeit und in die Irr- und Wirr-Bauten der Welt eintritt. Andermal kann das Volk als Ichheit, als Individualität, als lebende Ganzheit, als Jeschurun, als erlebte Ichheit, als die eigene erlebte Individualität, als erlebte und gelebte Ganzheit, als Person, erfaßt werden. Judenheit als Material trägt Züge des Verfalls, der Endlichkeit, des Abscheus, der Sünde. Sie bewegt sich, orientiert sich, verwirrt sich in die Wirrsale der Geltungs-Welt. Jeschurun als Persönlichkeit trägt Züge der Ruhe und Weihe, Einfalt und Heiligkeit. Heiligkeit umgibt ihn und Ewigkeit, göttliche Einheit baut er, gleich dem heiligenden Menschen, Sünde ist ihm fern. Jeschurun richtet sich nicht nach Zwecken, sondern nach gottgegebenem Gesetz. Jeschurun ist nicht verwirrt und verstrickt in die Scheinwelt der Begrifflichkeit und Begriffe. Jeschurun ist nicht Idealisierung der Judenheit, kein Idealbild des jüdischen *) R. Löwit Verlag, Wien und Berlin, 1918.

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