Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der Jude und der Bourgeois
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 17 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jude und der Bourgeois 17 wollenden Erforscher die kompliziertesten Theorien gebaut und die entlegensten Tatsachen herangezogen haben, als zum Beispiel, daß wir vor etwa zweieinhalb Jahrtausenden ein Nomadenvolk gewesen seien, sind einfach überhaupt nicht jüdisch, sondern bourgeoishaft. Nur daraus läßt sich verstehen, warum das meiste, das über uns geschrieben und gesagt wird, uns so gar keine Beziehung zu haben scheint zu dem wahren Antlitz unseres Volkes. Daß ein Teil des Judentums dem Geist der Bourgeoisie so ganz verfallen ist, sich ihm mit solcher Überzeugung in die Arme geworfen hat, daran ist weder innere Übereinstimmung schuld noch der Hang zum Extremen. Die jüdischen Bourgeois sind wirklich dazu berechtigt, als Extrakt der Bourgeoisie, als ihre reinsten Vertreter zu figurieren, weil eines der Hauptmotive der typischen Bourgeois-Einstellung für sie doppelt und dreifach gilt. Die Grundlage des Bourgeois-Charakters, der eigentliche Wesenszug seiner Physiognomie ist nämlich die innere Unsicherheit. Er hat die Enge, aber auch die Behaglichkeit des standfesten Bürgers verloren und noch nichts Dauerhaftes, wie es ein jahrhundertalter Kastengeist ist, erworben. Seine Stellung ist durch keine Genossenschaft garantiert; ein Persönlichkeitsbewußtsein, das ausreicht, um auf äußere Garantien zu verzichten, ist nur wenigen, Auserwählten beschieden. So bleibt als Basis der Bourgeois-Existenz nichts übrig, als der unzuverlässige, allen Augenblickseinflüssen unterworfene Besitz — das Geld. Ohne Geld, das muß der Bourgeois sich stets vor Augen halten, ist er nichts, nicht einmal ein Deklassierter: denn ein verarmter Bürger ist noch immer Bürger, ein verarmter Aristokrat nicht minder adelig, aber ein verarmter Bourgeois — das ist eine contradictio in adjecto. Jede Marktschwankung, jeder Rechenfehler bei einer Spekulation kann ihn hinabsenden zu den Namenlosen, wo er sogleich untertaucht und verschwindet in dem großen Meer des Proletariats. Und eben diese Unsicherheit zwingt ihn stets aufs neue zu wagen, um hinaufzugelangen auf die sonnigen Gipfel der Hochfinanz, von denen ein Absturz unmöglich scheint. Eine solche Unsicherheit muß der jüdische Bourgeois unendlich stärker empfinden, als jeder andere. Es ist dafür gesorgt, daß er nie die ständige Wachsamkeit vergißt, mit der sich seine Väter gegen ringsum lauernde Gefahren gewappnet hielten. Zu der Abneigung gegen den Emporkömmling gesellt sich noch der Haß gegen den Volksfremden und der Geist religiöser Verfolgung. Die rechtlichen Grundlagen seines Erwerbes werden in Verruf erklärt und untergraben, die bürgerliche Gleichstellung gilt als Gnade, die eingeschränkt oder gar zurückgezogen werden kann. Stets sind Mächte an der Arbeit, die ihn stürzen wollen, und wenn er fällt, so stürzt er tiefer und härter als jeder andere. Die Hände, die sich seinem Reichtum entgegenstreckten, wird er als Fäuste fühlen. Jeder andere Rückhalt als das Kapital versagt sich ihm; so muß er noch angestrengter und ruheloser sich an das Geld klammern, sonst schreitet der Zug der Nachdrängenden mitleidlos über ihn weg. Was sind die Folgen dieser Unsicherheit? Zunächst eine schrankenlose Geldvergötterung, ein inbrünstiger Priestertanz vor dem goldenen Kalb. Geld ist dem richtigen Bourgeois ebenso absoluter Wert, reiner Selbstzweck, wie das Leben, ohne das alle anderen Güter sinnlos sind. Da aber niemand eingestehen will, daß er sein Leben auf etwas so Zufälliges und außerhalb seiner Persönlichkeit Liegendes gestellt habe, wie das Geld, so verleugnet der Bourgeois sein echtes Fühlen bis zum letzten Atemzuge, spielt sich und der Htftx. & 2