Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der Jude und der Bourgeois
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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16 Hanns Sachs: nennen, die Familie der Rahel ziemlich weit entfernt war. Noch Fontane zieht eine Scheidelinie zwischen reichen Judenmädchen und .»Bourgeois-Bälgern" — sehr zugunsten der ersteren. Zur Vermeidung von Mißdeutungen: Ein Bourgeois ist beileibe nicht dasselbe wie ein Bürger. Er kommt aus dem Bürgerlichen her, aber er trägt deutliche Merkmale und Zeichen der Unterscheidung. Der Bürger hat, wie der Bauer und Edelmann, ein starkes Standes- und Solidaritätsgefühl. Die Gesamtheit ist mit sich und ihrer Stellung zur Welt einverstanden, nur Einzelne, die als lästige Ausnahmen empfunden werden, streben über den Stand hinaus. Der Bourgeois aber hat zum Ahnherrn und Taufpaten den Monsieur Jourdain, den Bourgeois Gentilhomme Molieres. Als die „Juden-Emanzipation**, wie man das Ding nannte, nach dem Jahre 1848 rasche Fortschritte machte, mußten sich die sozialen und gesellschaftlichen Voraussetzungen des Eintrittes verschieben. Bisher waren es nur Ausnahmsnaturen im guten oder schlechten Sinn gewesen, kühne oder freche Charakterköpfe, die sich von der Sitte ihrer Väter losgesagt hatten. Nun lag das, was bisher ein wagemutiger Entschluß gewesen war, im Zuge der Zeit, dem auch die Mittelmäßigkeit gedankenlos folgte. Adel und Kunst nahmen an dieser Sorte von Ankömmlingen keinen Anteil mehr, waren auch zu wenig zahlreich und zu exklusiv, um eine Masseneinwanderung aufzunehmen. Bisher war der Bürgerstand noch exklusiver, weil engherziger gewesen. Jetzt begann sich von ihm unter dem Einfluß moderner Kapitalswirtschaft und der industriellen Entwicklung eine neuentstandene Gruppe abzulösen, die in ihrer neuen Selbständigkeit noch nicht dahin gekommen war, einen Maßstab des Herkommens, eine kulturelle Tradition samt dem dazugehörigen Standesbewußtsein zu erlangen. Es war die Bourgeoisie, und da auch die „emanzipierten" Juden eine neue Klasse darstellten, und da auch ihr Dasein, ihre politische und soziale Geltung mit der modernen Industrie- und Kapitalswirtschaft innig verknüpft war, so rückten die beiden enge zusammen. Nicht etwa, daß das Judentum in der Bourgeoisie ohne weiteres aufgegangen wäre, aber es bewegte sich in der gleichen Richtung, wie das Wasser zweier Flüsse, die sich vereinigt haben, eine Weile, ohne sich zu mischen, in demselben Bette fließt. Ein neu entstandener Klassentypus erhält seine charakteristischen Züge selbstverständlich von den sozialen, ökonomischen und gesellschaftlichen Bedingungen, denen er seine Entstehung verdankt. Wenn nun versucht werden soll, ein paar der wesentlichsten Kennzeichen zu sammeln und im Zusammenhang zu verstehen, welchem Zweck kann diese Arbeit dienen? Die Antwort ist sehr einfach: Man mache sich darauf gefaßt, daß das Bild des Bourgeois, das so gewonnen wird, ganz genau dem Bild des modernen Juden gleicht. Natürlich keineswegs dem modernen Juden, wie er wirklich ist, sondern dem Bild, wie es in den Augen der ungeheuren Mehrzahl unserer nichtjüdischen Zeitgenossen feststeht — auch derer, die die Judenfrage mit dem Dogma irgendeiner Rassentheorie1 beantworten wollen. Mit anderen Worten, es wird sich zeigen, daß einzig deshalb, weil die europäisierte, „assimilierte" Judenschaft Bourgeoisallüren angenommen hat — und oft ziemlich karikierte Bourgeoisallüren —, die nichtjüdischen Beobachter, die das Judentum nach diesem kleinen, ihnen allein bekannten Teil beurteilten, die vordringlichen Bourgeoiszüge für das typisch Jüdische gehalten haben, während das eigentlich und wirklich Jüdische den Augen dieser Beobachter fast ganz entgangen ist. Eine Reihe von Eigentümlichkeiten, zu deren Erklärung unsere mehr oder meistens minder wohl-