Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Judenfrage in Litauen
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Judenfrage in Litauen 5 nung. Man darf hoffen, daß der gesunde Sinn des litwinischen Volkes und die Einsicht seiner Führer begreifen werden, daß der Kampf gegen die Juden weder den nationalen Interessen der Litwiner noch dem Wohle ihres neuen Staates dient. Auch die gern vorgebrachte Begründung der angeblichen Bewucherung des litauischen Bauern durch die Juden entbehrt der tatsächlichen Unterlage. Der litauische Bauer hat den jüdischen Händler als Vermittler, vorläufig wenigstens, noch genau so nötig, wie der jüdische Händler den Bauern als Abnehmer seiner Ware, und ist sich dessen auch genau bewußt. Der neue Staat mit einer hoffentlich gut organisierten Verwaltung würde sehr bald merken, daß er sich selbst aufs schwerste schädigt, wenn er etwa die wirtschaftliche Neuordnung mit dem Ausschluß und auf Kosten der jüdischen Händler einleiten wollte. Ein Land wie Litauen ist wie geschaffen dazu, um zu beweisen, daß die verschiedenen Nationen ihre verschiedenen nationalen und sozialen Interessen sehr gut neben- und miteinander entwickeln können, und es wäre ein lächerlicher Unfug, wenn lediglich zum Zweck der Züchtung eines mißverstandenen Nationalismus Gegensätze gewaltsam geschaffen würden, die an und für sich in den Verhältnissen nicht begründet sind. Es war nötig, auf diesen Punkt etwas näher einzugehen, weil gerade in den Kreisen der litauischen Juden diese Erscheinungen mit einer gewissen Sorge betrachtet werden. Ihre Sorge richtet sich weniger gegen den übertriebenen Nationalismus der anderen Völker, an den man nicht recht glaubt, als gegen eine etwaige Verkennung der Verhältnisse durch die deutsche Verwaltung, die ja, wie immer die Dinge sich entwickeln mögen, zweifellos mindestens noch für geraume Zeit dem Lande ihren Stempel aufdrücken wird. Man kann nur wünschen, daß den litauischen Juden diese Besorgnis recht bald genommen werde. Nach den schlechten Erfahrungen, die sie noch bis vor kurzem mit der deutschen Verwaltung machen mußten, haben sie die Anzeichen einer ihnen weniger unfreundlichen Politik dankbar begrüßt. Die Art, wie die Verwaltung sich neuerdings der Ordnung der jüdischen Verhältnisse annimmt, die Mühe, die sie sich z. B. bei der recht schwierigen Regelung der Verteilung der amerikanischen Hilfsgelder gegeben hat und der ein voller Erfolg beschieden war, und manche anderen Dinge, auf die einzugehen hier zu weit führen würde, haben in den Herzen der litauischen Juden einen warmen Widerhall gefunden. Sie haben jetzt die Möglichkeit, auch die Vorzüge der deutschen Organisation kennen zu lernen, nachdem sie sich eine ganze Weile lang nur als ihre Opfer betrachten mußten. Aber auch die deutsche Verwaltung ist auf diese Weise imstande, sich das starke Gemeinschaftsgefühl und die für östliche Verhältnisse hoch entwickelte Organisationsfähigkeit gerade der litauischen Juden für die Ordnung der inneren Verhältnisse des Landes nutzbar zu machen. Es wäre verfehlt, jetzt schon von einem Vertrauensverhältnis zwischen der deutschen Verwaltung und der jüdischen Bevölkerung Litauens zu sprechen, und das wird ja auch nicht der Fall sein, solange der Krieg mit seinen Beschränkungen der bürgerlichen Freiheit dauert. Aber man sieht jetzt schon einen Weg, der zu einem gegenseitigen Verständnis und einer daraus sich ergebenden Achtung führen kann. Dies Ziel wird um so eher erreicht werden, je mehr die deutsche Verwaltung mit den Resten der früheren unseligen Politik aufräumt und auf dem Wege zur Anerkennung der nationalen Rechte der verschiedenen Nationalitäten Litauens auch dem jüdischen Volk diese Rechte zukommen läßt. Es ist klar, daß über die endgültige Gestaltung der litauischen Verfassung