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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 1 · p. 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 1
Article
Die Judenfrage in Litauen
Date
1918-01-01
Page
4 (sequence 4)
Language
German
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4 Theodor Behr: Soldaten, der sich in der Regel sehr leicht und schnell mit den Juden zurechtfand. Es ist so, daß in Litauen sozusagen systematisch alles geschehen ist, um von oben herunter dieses gute Verhältnis zu trüben. Wenn man der deutschen Verwaltung in Polen vorwerfen muß, daß sie kein Verständnis für das jüdische Problem und für die Eigenart der Juden hatte und sie infolgedessen vernachlässigte, so muß man von der deutschen Verwaltung in Litauen, wie sie bis vor kurzem bestand, sagen, daß ein Strom von Antisemitismus von ihr ausging und sich bis in die letzten Adern der behördlichen Organisation in einer geradezu erschreckenden Weise bemerkbar machte. Es ist heute nicht an der Zeit, offen über diese Dinge zu sprechen, aber das eine darf gesagt werden, daß eine ganze Zeit lang die besten Interessen des Vaterlands zurückgesetzt wurden hinter einen ebenso bösen wie beschränkten Judenhaß. Sehr viel Unheil ist angerichtet worden, und man kann leider noch nicht sagen, daß dieses System schon ganz beseitigt wäre. Immerhin, es ist erheblich besser geworden, und vielerlei Anzeichen sprechen dafür, daß man in der Verwaltung, wie sie sich jetzt zusammensetzt, nicht nur menschlichere, sondern auch vernünftigere und darum letzten Endes auch dem deutschen Interesse dienlichere Anschauungen über das Judenproblem in Litauen hat. Das hängt zusammen mit der besseren Erkenntnis, die überhaupt über die , ganze Gestaltung der litauischen Frage in den maßgebenden deutschen Kreisen Platz gegriffen zu haben scheint. Solange man nämlich in der deutschen Verwaltung mit der Schaffung eines litauischen Nationalstaates rechnete, war die klare Folge, daß man die anderen Nationalitäten hinter die Litwiner zurücksetzte. Aus dieser Erwägung heraus entstand die eigenartige Zusammensetzung des litauischen Landesrates, in dem neben 20 Litwinern nur insgesamt 5 Vertreter der anderen Nationalitäten sitzen sollten, 2 Polen, 2 Juden und 1 Weißruthene. Natürlich haben sämtliche drei Völker abgelehnt, sich zu dieser Karikierung einer Volksvertretung herzugeben. Inzwischen hat ja wohl auch die deutsche Verwaltung eingesehen, daß die ursprünglich beabsichtigte Bevorzugung der Litauer nicht den von ihr erwarteten Erfolg der engen Verschmelzung Litauens mit dem deutschen Volke haben würde. Die jetzige Verwaltung scheint auf dem richtigen Standpunkt zu stehen, daß nur ein größeres Litauen, in dem alle Nationalitäten gleichberechtigte Faktoren des staatlichen Organismus bilden, einen gedeihlichen Ausbau und eine harmonische Entwicklung des neuen Staatswesens sowie die daraus folgenden guten Beziehungen zum Deutschen Reiche gewährleisten. Die Politik der einseitigen Bevorzugung der Litwiner, die hoffentlich einfür allemal verlassen ist, hat natürlich auch ein gesteigertes Selbstbewußtsein nicht sowohl der litauischen Masse als ihrer nationalen Führer zur Folge gehabt. In einer völligen Verkennung der tatsächlichen Verhältnisse und in dem etwas kindlichen Drang, sich die letzten Errungenschaften des nationalen Kampfes zueigen zu machen, verlangten sie von den anderen Völkern und insbesondere von den Juden die Unterordnung ihrer Forderungen unter die nationalen Aspirationen des litauischen Volkes. Da die Juden diese Zumutung zurückwiesen, entstand eine Gegenströmung in den führenden Kreisen der Litwiner, die ausgesprochen antisemitischen Charakter trug. In diesem Geist ist das auch sonst recht seltsame Büch des Reichstagsabgeordneten Gaigalat („Litauen, Land und Volk") gehalten. Man könnte auch sonst noch mancherlei über diese Bewegung sagen, die sich teilweise bis zur Hetze gesteigert hat Aber sie ist wohl keine bleibende Erschei-

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