Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Judenfrage in Litauen
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Die Judenfrage in Litauen 3 kettung in eine erstarrte Orthodoxie, wie sie mit so furchtbarer Gewalt auf der polnischen Judenheit lastet. Es weht etwas Fröhliches, Lebendiges durch jedes litauische Judenstädtchen, und während man immer wieder vor der Fülle des jüdischen Wissens staunt, bewundert man eine rege Fähigkeit in den Dingen des Tages, eine besondere Gestaltungskraft, eine Fülle des Organisationsvermögens, das man bei den polnischen Juden so schmerzlich vermißt. Nicht als ob das Streben, den Grund der Dinge zu erkennen, im litauischen Judentum weniger entwickelt wäre als im polnischen, wo nach einem jüngst gefallenen Wort die Diskussion die eigentliche nationale Industrie darstellt. Aber dieser Freude an der Debatte steht in Litauen gegenüber das Verlangen nach der Verwirklichung. In den jüdischen Gemeinden und Institutionen Polens begegnet man immer wieder der Tatsache, daß die gestaltende Arbeit letzten Endes abhängig ist ausschließlich von einem Mann — der dann in nicht seltenen Fällen ein Litwak ist. Anders in Litauen, wo man viel weniger als in Polen sich mit der Diskussion der Dinge begnügt und immer wieder darauf drängt, daß die gewonnene Erkenntnis nicht nur theoretische Gestalt erhalte. Ein frisches, lebendiges Judentum also, berufen, ein Grundstoff unserer Erneuerung zu sein. Es wäre ein furchtbarer Verlust für Judentum und Menschheit, wenn diese prächtige Blüte am Baume unseres Volkes in ihrer freien Entwicklung gehemmt werden würde. Das Verhältnis der litauischen Juden zu den anderen Nationalitäten des Landes ist gut, mit Ausnahme natürlich der Polen, die ihre traditionelle Judenfeindschaft auch in Litauen nicht verbergen können. Daß sie sich bis jetzt nicht in so schroffer Form geäußert hat wie in Kongreßpolen, liegt darin begründet, daß die Polen in Litauen nicht die herrschende Nation darstellen. Die Juden ihrerseits bemühen sich, den Polen keinen Anlaß zu Feindseligkeiten zu geben. Hierfür erlebte ich selbst ein kleines, aber bezeichnendes Beispiel, als infolge der Kupferbeschlagnahme das Dach einer katholischen Kirche in Wilna abgedeckt werden sollte. Auf Vorstellung der polnischen Führer hielten sich die jüdischen Handwerkermeister von dieser Arbeit fern, obgleich sie einen großen und in der jetzigen schweren Zeit besonders in Betracht kommenden Verdienst gebracht hätte. Mit den beiden anderen Völkern, den Litwinern und Weißruthenen, sind die Juden bisher ausgezeichnet ausgekommen. Beides sind Bauernvölker, fast ohne jede Intelligenz, etwa 85°/0 Analphabeten. Träger ihres Nationalbewußtseins ist ausschließlich ihre quantitativ und qualitativ nicht sehr bedeutende Intelligenz, während dem Volke selbst das Nationalbewußtsein fast gänzlich abgeht. Mit um so größerer Vehemenz sind die geistigen Führer der Litwiner bemüht, ihr Volk national zu erwecken. Mit bewundernswerter Hingabe und mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln setzen sie sich für die nationale und geistige Befreiung des litwinischen Volkes ein. Als ihren eigentlichen Feind betrachten sie die Polen, während sie mit den Juden freundschaftliche Beziehungen pflegen. Erst in der letzten Zeit versuchen die litwinischen Führer, auch so etwas wie einen Gegensatz der beiden Völker zu den Juden zu konstruieren. Die deutsche Verwaltung, die in Polen die Bedeutung des jüdischen Volkes in einer auch für ihre eigene Politik verhängnisvollen Weise übersehen hat, ist anfangs auch an den litauischen Juden ziemlich ahnungslos vorübergegangen. Auch hier ebenso wie bei der deutschen Besatzung in Polen war es viel mehr der Antisemitismus der gebildeten, d. h. oberen Beamten, der verhängnisvoll auf die Beziehungen wirkte, als die einfache Menschlichkeit des deutschen i*