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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 1 · p. 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 1
Article
Die Judenfrage in Litauen
Date
1918-01-01
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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2 Theodor Behr: schwacher Grundlage ruht, wie es bei den Litwinern kraft der Verhältnisse nun einmal der Fall ist. Ob überhaupt ein so enges und kleines Land wie das ethnographische Litauen ohne Wilna, Grodno und Bialystok eine wirtschaftliche Existenzmöglichkeit hätte, ist zum mindesten zu bezweifeln. Die Notwendigkeiten des neuen Landes verlangen zweifellos die Einbeziehung dieser Gebiete in seinen Grenzbereich. Die Interessen der Juden sind in diesem wie in allen anderen Fällen identisch mit denen des neuen Staatsgebildes. Das ethnographische Litauen ist ökonomisch fast undenkbar ohne Wilna, auf das denn auch die Litauer leidenschaftlich Anspruch erheben. Ein ethnographisches Litauen würde also die Losreißung dieser alten und großen jüdischen Metropole vom Großteil des litauischen Judentums bedeuten. In dem so entstehenden Nationalstaat könnte die verhältnismäßig geringe Zahl der Juden sich nicht mehr frei entwickeln; des Zusammenhangs mit der großen Masse des ostjüdischen Volkes beraubt, müßte das litauische Jerusalem verdorren, ein tödlicher Schlag für das Wilnaer ebenso wie für das litauische Judentum im ganzen. Und die Auslieferung der Juden von Grodno und Bialystok und der zahlreichen in diesem Gebiete liegenden kleineren jüdischen Städte an die Polen würde die Schärfe der Judenfrage in Polen nur vermehren, würde noch einige hunderttausend Juden der polnischen Gewalt überantworten, von deren Unfähigkeit, aus sich heraus eine einigermaßen befriedigende Lösung der Frage der nationalen Minoritäten und insbesondere der Juden herbeizuführen, man nach allem, was sich in diesen drei Jahren begeben hat, ja wohl restlos überzeugt sein kann. So verlangt das Interesse der Juden dasselbe, was die Wohlfahrt des neuen litauischen Staates fordert, seine Ausdehnung auf möglichst den ganzen Komplex des Gebietes, das man immer mit dem Namen Litauen bezeichnet hat, ein sogenanntes Groß-Litauen also, das mindestens außer Wilna auch noch die Gebiete von Grodno und Bialystok umschließt. Dieses Gebiet zählte im Frieden wenigstens 500 000 Juden. Heute, nach der Abwanderung durch den Krieg und der Austreibung durch die Russen dürften noch ungefähr 350000 Juden im Lande vorhanden sein. Sie bilden etwa 15% der Gesamtbevölkerung. Die Bedeutung dieser Ziffer wird klar, wenn man berücksichtigt, daß diesen 15% keine 85% einer anderen gleichartigen Volksmasse gegenüberstehen, sondern daß diese sich auf mehr als drei Völker verteilen, so daß keines von ihnen einen erheblich größeren Prozentsatz ausmacht. Die litauischen Juden betrachten sich mit Recht als autochthone Einwohner des Landes, in dem sie bereits vor acht Jahrhunderten ihre geschlossenen Gemeinden hatten. Ihr sozialer und kultureller Einfluß übertrifft bei weitem ihre zahlenmäßige Stärke. Zusammen mit den Polen bilden sie die eigentliche Intelligenz des Landes. Sie haben die führende Rolle in Handel und Industrie, insbesondere liegt der Durchgangshandel zwischen Deutschland und Rußland in ihrer Hand. Aber auch in geistiger Hinsicht bilden sie die Vermittler zwischen Deutschland und Rußland. Ihr Nationalbewußtsein ist stark entwickelt, im Gegensatz zu Polen kennt man den Begriff der Assimilanten überhaupt nicht. Über die innere Bedeutung des litauischen Judentums braucht in diesen Blättern kaum noch etwas gesagt zu werden. Seine geistige Regsamkeit, sein für europäische Verhältnisse unerhörter Bildungsdrang sind sprichwörtlich. Der litauische Jude, fest verwurzelt in den besten Traditionen des Judentums, bildet den erfreulichen Typus des aufrechten, mit allem Jüdischen eng verwachsenen, seiner Zugehörigkeit zu seinem Volk stolz bewußten Juden, der freigeblieben ist von der Ver-

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