Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Judenfrage in Litauen
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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DIE JUDENFRAGE IN LITAUEN In der Fülle der Randstaatenprobleme, die durch den Friedensschluß in Brest- Litowsk aktuell geworden sind, ist die litauische Frage eins der verwickeltsten und zugleich für uns Juden eins der bedeutungsvollsten. Alle diese Randstaaten sind keine Nationalstaaten, in allen fordern verschiedene Nationalitäten die Anerkennung ihrer nationalen Rechte, aber alle anderen außer Litauen kennen eine herrschende Nationalität, zentrieren sich um ein an Zahl und Bedeutung überragendes Volk. So ist es in Polen, in der Ukraine, in Livland und Estland, und in Kurland ist wenigstens prinzipiell anerkannt, daß es ein Mehrheits- und ein Minderheitsvolk im Lande gibt, nur daß in diesem einen Falle die Neuregelung sich auf das Minderheitsvolk stützt. In Litauen liegen die Verhältnisse wesentlich komplizierter. Neben dem Volk der Litwiner, das dem Lande den Namen gegeben hat, wird die Einwohnerschaft gebildet von noch drei anderen Völkern, den Polen, den Weißruthenen, den Juden (wenn wir von der verhältnismäßig kleinen Anzahl Deutscher und Russen absehen). Von allen diesen Völkern bildet keines eine Mehrheit, und was etwa den Polen oder Juden an Zahl abgeht, wird durch ihre soziale und kulturelle Bedeutung ausgeglichen. Ließ die deutsche Staatskunst schon gegenüber den einfacheren Problemen in Polen die folgerichtige Haltung und die einheitliche Politik durchaus vermissen, so hat sie den viel schwereren Verhältnissen Litauens gegenüber einen sehr schwankenden Standpunkt eingenommen, der wiederholt gewechselt hat. Dabei scheint die Bedeutung, die die jüdische Seite des Problems hat, erst in der letzten Zeit einigermaßen entsprechend gewürdigt zu werden. Von entscheidender Wichtigkeit für die Stellungnahme gegenüber der Judenfrage in Litauen ist das territoriale Ausmaß des neuen Staates. Lange Zeit sah es so aus, als ob die deutsche Verwaltung einen neuen Begriff „Litauen" zu schaffen bemüht wäre, das sogenannte ethnographische Litauen, ein verhältnismäßig kleines Gebiet nördlich und westlich Wilnas, in dem die Litwiner die überwiegende Majorität der Bevölkerung bilden und zu dem gerechterweise weder Wilna noch eine der anderen großen Städte des Landes gerechnet werden kann. Auf dieser territorialen Grundlage könnte tatsächlich ein litauischer Nationalstaat gegründet werden, und dieser Gedanke ist noch nicht ganz aus der Diskussion verschwunden. Was in diesem Falle aus den südlichen und östlichen Teilen des Landes werden würde, hinge natürlich ganz von der Formulierung der anderen Randstaatengrenzen ab, insbesondere also von der territorialen Lösung der polnischen Frage. Die Polen erheben starken Anspruch auf Wilna und das Gebiet von Grodno und Bialystok und bezeichnen die Zugehörigkeitserklärung dieses Gebietes an einen neuen litauischen Staat als eine weitere Teilung Polens. Es ist hier nicht der Platz, zu untersuchen, in welcher Richtung das deutsche Interesse bei der Beurteilung dieser Frage geht. Immerhin liegt auf der Hand, daß Deutschland ein erheblich größeres Interesse an einem Staate hat, dessen Politik durch das richtige Ineinandergreifen von wenigstens vier verschiedenen nationalen Faktoren bedingt ist, als wenn sie ausschließlich von den Wünschen eines einzelnen Volkes diktiert wird, dessen dauernd gutes Verhältnis zu Deutschland zudem auf so Helt i. I