Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Die Aufführung jüdischer Volksmusik vor Westjuden
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 767 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Aufführung jüdischer Volksmusik vor Westjuden 767 In anderen Liedern — auch in den Beilagen von „Ost und West" — geht dieses Anstopfen der Takte so weit, daß selbst verschwiegene geringe Schwankungen im Rhythmischen aufdringlich im Instrument brüllen. Man höre die Diskrepanz zwischen der anspruchslosen Melodie und dem unbillig gehäuften Figurenwerk der Begleitung in der Fassung des Liedes „sol eck weren a rüw", die von J. S. Roskin stammt. Im 5. Takt nimmt die Melodie, einem in seiner Unmittelbarkeit untadeligen Einfall des Volksliedes folgend, ein wenig akzeptierende Tonsteigerung an, obwohl das Lied sagt: },yn di ferd gejn nit" usw. Dieses beschleunigte Tempo treibt bereits bis an die Grenze des malerisch Erlaubten und verschmäht es kühn, das Mühsame des Nichtgehens und Nichtdrehens zu schildern. Der Bearbeiter aber, der illustrieren will, führt nun plötzlich im Baß bis zum 9. Takt Sechzehntel ein und anstatt den Eindruck der gehemmten Bewegungen und Wünsche anzudeuten, wenn schon die Begleitung die Wirkung des Liedes sinnfällig erhöhen wollte, wird das ganz wesensfremde Moment einer ungehinderten Schnelle hineingetragen.*) Die Leistung des ausübenden Musikers ändert an dem Eindruck des Unzulänglichen und schlecht Bestellten kaum etwas. Sie liegt zwar nicht gleichermaßen komplex vor mir — es werden Sänger gerühmt, die ich bisher nicht hörte —, aber von vornherein wäre es erstaunlich, wenn sich diesmal der Sänger, was er noch niemals tat, als der kulturschöpferische Partner des Komponisten erwiesen hätte und durch ihn die Ursprünglichkeit der Dinge, die vom Bearbeiter schlimm beeinträchtigte, wiederhergestellt worden wäre. Was mich von den bisher gehörten ostjüdischen Sängern, besonders von solchen, die aus polnischem Theatertreiben herkommen, abstieß, war die saloppe, unernsthafte Art, mit der sie die auf ein Vorstadtpublikum berechneten Vortragsmanieren in den Konzertsaal herübernahmen. Auch nach den Vorträgen westjüdischer Liedersängerinnen hinterblieb der peinliche Eindruck, daß hier das Volkslied nebenher — wie herablassend ist doch die Sängerin! — ohne innige Liebe, mit -weniger Konzentration und Vorbereitung gesungen wurde, als „wirkliche", d. h. nichtjüdische Kunst. * * * Wir haben erfahren, welchen Ranges die bis jetzt geübte Interpretation ostjüdischer Volksmusik ist. Der Unzulänglichkeit der Zeit ein schon Bestehendes von mehr Gültigkeit entgegenzuhalten, ist uns nicht gegeben. Wenn trotzdem der vorerst nur zur Negation führende Einspruch, nachdrücklicher begründet, als es in fachlichen Dingen üblich ist, vor Laien erhoben wurde, geschah es zulieb einem Zusammenhang von größter Wichtigkeit, in den er hinüberleitet, sobald wir die Haltung dieser Generation von Westjuden vor fundamentalen Werten der nationalen Kultur nicht weiter wie ein Zufälliges und Belangloses und hinter den geräuschvollen Erfordernissen der Politik Zurückstehendes ansehen, sondern als ein verderbliches Äußerlichsein der jüdischen Aufwärtsbewegung und ein Verarmen ihrer Menschlichkeit. An einer deutlich wahrnehmbaren Seite diesen Konflikt bloßgelegt zu haben, der erwachenden Auf- *) Am wenigsten habe ich gegen die I. L. Cahansche umfangreiche Sammlung einzuwenden. Eine Beschreibung und Beurteilung dieser und der anderen Sammlungen wird in einem demnächst durch den Ausschuß für jüdische Kulturarbeit zur Ausgabe gelangenden Merkblatt enthalten sein.