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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 12 · p. 766

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 12
Article
Die Aufführung jüdischer Volksmusik vor Westjuden
Date
1917-01-01
Page
766 (sequence 8)
Language
German
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766 Fritz Mordechai Kaufmann: entheben, musikalische Schöpfungen aufzuführen, die den Bezirken fremder Kulturen entstammten, indem man eine Ergänzung der liedmäßigen Volksmusik im Instrumentalen anstrebte. Eine derartige Überspannung der nationalen Gesinnung, die dazu verpflichten könnte, die unausgetragenen Werke jüdischer Musiker den zeitlosen Schöpfungen italienischer und deutscher Tonsetzer vorzuziehen, steht in scharfem Widerspruch zu dem Wesen der nationalen Idee, die eminent kulturell und von weitester Menschlichkeit ist. Ob es einmal der ganz im Volkstümlichen wurzelnden Persönlichkeit eines überragenden jüdischen Tonsetzers gelingen wird, das bereits keimhaft in den Volksweisen Vorgebildete zu großen instrumentalen Bauten zu gestalten, wie es Deutschen und Italienern in den hohen Zeiten ihres mehr gebundenen, stilkräftigeren Lebens glückte, steht dahin; improvisieren oder durch Nachahmen erreichen läßt es sich nicht. Die Sammlung „lidersamelbych far der jidesher shyl yn familie"*) ist frei von 6olch willkürlichen Beifügungen, aber nicht etwa aus einer neuen, besseren Gesinnung, sondern wohl eher, um Raum zu sparen. So ist das Wiegenlied ,,az ech woltgehat dem kejsers ojcres'1 (Nr. 36 der „Sammlung*') vom gleichen Bearbeiter, Shitomirsky noch einmal in einer Sonderausgabe vertont worden. Da diese dem gewiß nicht talentlosen Musiker mehr Raum gewährte, tritt er gleich mit großem, beinahe orchestralem Apparat auf, mit Vorspiel und Nachspiel, begleitender Geige und erhöhtem harmonischem Aufwand, der nun bis in die letzten Takte dem Liede seine große Beruhigung verscheucht. In der Sammlung wiederum verlegt allenthalben die Begleitung starr und mechanisch die Sopranstimme in das Instrument, das nun unisono mitgeht; sie verwendet diese beinahe stets bedenkliche Art eines sich selber aufhebenden Konzertierens nicht etwa zur Erzielung bestimmter klanglicher Wirkungen, sondern als ein um so unsinnigeres Prinzip, als sie jeder pädagogischen Überlegung, die doch ein freies und selbständiges Verbleiben der singenden Kinder in ihren Stimmen erstreben muß, zuwiderhandelt. Im übrigen ist hier die künstlerische Verirrung dieselbe wie in den bisher erwähnten Ausgaben. Die sich von selber darbietenden schlichten Mittel werden verschmäht und ein Massiges von bedrückenden Harmonien und Figuren ohne konstruktiven Sinn oder Bemühen um Alttönigkeit bedenkenlos gehäuft. Wie fast jede falsche Anwendung gebotener künstlerischer Formen verrät dieses Versagen im Technischen, daß die Komponisten bisher in dem Reich der ihnen eigentümlichen und notwendigen Ausdrucksmittel untüchtig dastehen. Sie wollen farbig sein, illustrieren und unterstreichen, wenn aller Stimmungswert bereits konzentriert und vernehmbar sich zur Melodie fügte, so daß die willkürliche Erweiterung im Harmonischen zu einer Minderung wird. In dem selig ruhenden Liedchen „shlüf, shlüf, shlüf" (Nr. 32 der Sammlung) häuft Lwow in der zweiten Hälfte der Takte Harmonien und Figuren, die klingen wollen, aber nur reden und dem Lied eine wesensfremde Geschwätzigkeit geben. Macht man allgemein den Versuch, die konstruktiven Elemente der veröffentlichten Lieder durch Phrasierungsbogen zu bezeichnen, so finden sich am Schluß beinahe jeder Phrase solche falsch angewandten, lastenden Einschiebsel (ich erwähne aufs Geratewohl die Nummern 14, 24, 37, 42, 45, 46 und 47 der Sammlung). *) Herausgeber: Gesellschaft für jüdische Volksmusik in Petersburg und Leo Winz in Berlin 1912.

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