Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Die Aufführung jüdischer Volksmusik vor Westjuden
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 765 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Aufführung jüdischer Volksmusik vor Westjuden 765 Texten in „Ost und West" einen Jargon vortrugen, der auffallenderweise wohl von den zuhörenden Deutschen, schwerlich aber von dem Ostjuden, der dabei war, verstanden wurde. Es liegt hier die sinnlose Konservierung einer Lässigkeit vor, die schon die ersten Proben östlicher Volkspoesie, soweit sie in europäischem Satz gedruckt wurden, entwertet hat. Als das Institutum Judaicum 1888 durch G. Herman Dalman „jüdisch-deutsche Volkslieder aus Galizien und Rußland" veröffentlichen ließ, war dem Sammler die Mühe einer phonetisch gründlichen Arbeit zu groß. Er mußte natürlich erläutern und tat es mit Fußnoten, verwandte sie aber, anscheinend um Satz zu sparen, nur bei Wörtern hebräischer, aramäischer und anderer fremder Herkunft — im übrigen glich er seinen „Jargon" dem Neuhochdeutschen zur Bequemlichkeit der Leser weitherzig an. Nachdem diese gemächliche Art der Übertragung sich einmal durchgesetzt hatte — sie verlangt ein Minimales an erläuternder Bemühung —, ist sie auch dann beibehalten worden, wenn ohne Fußnoten, also mit nebenstehender Übersetzung interpretiert wurde. Tauglicher sind bis heute nur einige von der Petersburger Gesellschaft für jüdische Volksmusik herausgegebene Texte — sie halten zwar starr und einseitig die litauische Aussprache bei, vermeiden aber die gröbsten Fehler. * * * Zur allgemeinen Beurteilung der Komponisten und ihrer Leistungen genügt es, sich zunächst die Texte anzusehen, die von ihnen vertont worden sind. Daß sich darunter mancherlei badchünisches und Gedichte volkstümlicher Dilettanten, in der Manier des begabten Warschawski befinden, die an der Grenze des Volks* liedes stehen, mag noch angehen* Wie aber will man es rechtfertigen, daß ganz untaugliche Reimereien des Perez, Reisen und des unvermeidlichen Morris Rosenfeld, so schwächlich vertont, wie es ihrem Werte entspricht, als Volkslieder herausgegeben werden, oder daß die sentimentalsten Stellen aus Goldfadens Singspielen unter enger Anlehnung an die süßlichen Melodien des Originals eine neue Frisur erhalten (noch jüngst durch Janot S. Roskin)? Scheidet man dieses alles aus, das ohne Fug als nationale Musik angesprochen wird, so sieht man sich bei den wirklichen Volksweisen einer recht naiven, unentwickelten und doch wuchernden Art der Vertonung gegenüber. Das Volkslied, ein so rundes und in sich vollendetes Ding, das nur kraft der in ihm gebannten und nicht mehr überbietbaren Expression wirken kann, wird da willkürlich verrenkt und garniert, indem man ihm ein Präludium vor- und ein Postludium nachklebt. Dies ist der Fall der meisten Liedbeilagen in der Zeitschrift „Ost und West" und vieler Einzelausgaben der Gesellschaft für jüdische Volksmusik, gar nicht zu reden von der üblen Kapellmeisterproduktion, die von Mazin & Co. (London), Hübner (Nadworna) und in Amerika gedruckt wurde. Diesen Zutaten ist ihre thematische Langweiligkeit typisch; einen Schritt weiter führt ein solches Zurechtmachen zur Verzerrung des Volksliedes in Paraphrasen und Potpourris für Soloinstrumente, nur daß diesen Komponisten der Schmiß und die Eleganz zu fehlen pflegt, mit denen Liszt dergleichen Geschmacklosigkeiten wenigstens interessant zu machen wußte. Es ist ein nicht geringes Verschulden der Petersburger Gesellschaft, daß auch sie derartiges ediert hat. Die gute Absicht, die dazu trieb, ist allerdings begreiflich — man suchte so etwas wie eine nationale Instrumentalmusik zu schaffen; man wollte die Veranstalter jüdischer Volksfeste der Notwendigkeit