Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Die Aufführung jüdischer Volksmusik vor Westjuden
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 764 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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7^4 Fritz Mordechai Kaufmann: analytischer Schulung und Ausdrucksgewalt einigermaßen zu drapieren verstehen. Hier schrieb und schreibt die Kritik nicht der musikalische Snob, sondern jenes dürftige Persönchen, das den vermischten Teil der Zeitungen bestreitet und dem man bei uns neben den Berichten über Versammlungen und Bälle die Kultur auszuliefern pflegt. Ohne Frage, mancherlei würde sich bald bessern, wenn die jüdische, zumal die nationale Presse weiterhin — das gilt auch für alles, was sie über die Gebilde anderer Kunst aussagt — nur dem Fachmann das Wort erteilt, also die Beurteilung jüdischer Musikabende oder neuerschienener Liedausgaben aus dem vermischten Teil und der darin wahllos und stereotyp geübten Vortrefflichkeitsbeflndung. herausnimmt. Oder glaubt man, musikalische Gegenstände dürften, ohne Gefährdung des an sich schon wenig einladenden Niveaus des westjüdischen öffentlichen Lebens, mit geringerer Sammlung und Verantwortlichkeit behandelt werden, als Vorkommnisse in der Politik und im Sozialen? Den ärgsten Entstellungen, die dem jüdischen Volkslied im Westen widerfahren sind, würden wir dann kaum mehr begegnen — die untauglichen Veranstaltungen müßten abnehmen, da sie sich schwer bezahlt machten, oder sie würden nicht weiter die merkwürdige Prätension erheben, die Öffentlichkeit zu beschäftigen, wenn diese Öffentlichkeit gerüstet ist, auch ein ablehnendes Nein eu sagen. « * * Obwohl diese wünschenswerte Tugend kritischer Ernsthaftigkeit auf dem Gebiet des Tonsetzers nicht das Entscheidende herbeizuführen vermag, sondern nur die glückhafte Tat des mühevoll produzierenden Künstlers, ist doch auch hier von der Verbreitung und Kräftigung wirklicher Einsichten Erhebliches zu erwarten. An denen hat es bis heute im ganzen gefehlt. Wie wäre es sonst möglich, daß beinahe alles, was von Vereinen, Konzertgebern und selbst in dieser Zeitschrift an Liedtexten gedruckt wurde, untauglich und entstellt ist*). Man Stelle sich vor, welch seltsames Gedudel herauskommen mußte, wenn deutschjüdische Kinder nach den phonetischen Übertragungen des Blauweißliederbuches unsere Volkslieder sangen. Oder wenn deutsche Konzertsängerinnen nach den *) Hier sei angemerkt, wie anspruchslos auch literarisch das Volkslied interpretiert zu werden pflegt, und eine Stelle aus Nadeis Aufsatzfolge — sie steht im n. Heft des Juden, Seite 762 — herausgegriffen. Nadel behauptet hier von einem Liebeslied: „daß aber das Wort als Wort dem Jiddisch-sprechenden (!) so gut wie nichts bedeutet und daß ihn nur die Weise angeht, sehen wir wohl nirgends so gut wie in der letzten Zeile der zweiten Strophe, wo durch ein Apostroph ein ganzes zweisilbiges Wort ersetzt wird: ,aV für ,a kleines*. ,Wind, a Wind' und ,Kind a's Kind' sind selbstverständlich das Ergebnis der gesungenen, nicht der gedichteten Zeile. Dennoch wäre ein ähnliches Beispiel wie ,aV in einer anderen Sprache schwer zu finden." Das ist eitel Phantasie. In Wirklichkeit liegt hier nämlich eine Besonderheit des nordlitauischen Dialekts vor, die jedem, der zum Sprachlichen des Volksliedes etwas aussagt, bekannt sein müßte. Dieser Dialekt kennt kaum mehr die neutrale Form des Artikels, in einzelnen Gegenden aber, vermutlich dort, wo Ginzburg und Marek das Lied sammeln ließen, hat sich ein letztes Rudiment der neutralen Endung in der Form a skind erhalten. Dieses zurückgebliebene samech ist so eng mit dem Substantiv zusammengefügt, daß man sogar die Nominativform di skind von litauischen Juden hören kann. An einer anderen Stelle (Heft 9, Seite 627) weiß Nadel nicht, daß das jiddische Präfix cy im Zeitwort ,,scch c*lsen* gar nicht dem deutschen „zu", sondern ,,zer, auseinander" entspricht; er übersetzt falsch und nimmt seinen Fehler zum Ausgang für eine nicht minder irrtümliche Auslegung jiddischen Sprachgeistes.