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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 12 · p. 763

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 12
Article
Die Aufführung jüdischer Volksmusik vor Westjuden
Date
1917-01-01
Page
763 (sequence 5)
Language
German
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Die Aufführung jüdischer Volksmusik vor Westjuden 763 währ gegeben, daß die sinnlose Angleichung an anderseuropäische Liedvertonun- und die wahllose Anwendung belastender Klänge, Verzierungen und Modulationeg vermieden werden. Da indes bis heute niemand an der Bewältigung dieser Aufn gäbe mit der ganzen hier erforderten Konzentration wahrzunehmen ist, befinden wir uns bis zum Herausarbeiten einer gültigen Art der Vertonung in einer interimistischen Zeit, die dazu zwingt, über die Strenge hinaus ganz karg und zurückhaltend instrumentale Mittel zu benutzen, von jedem figürlichen Werk im polyphonen Satz abzusehen und den singenden Stimmen nichts weiter zu geben als einige schlechterdings schwer entbehrliche tragende Akkorde an den entscheidenden Modulationen und Brechungen der Singweise. Nach dem Gesagten bedarf es für den vortragenden Musiker nicht mehr d er Aufstellung besonderer Erfordernisse, da er im wesentlichen den gleichen Bedingungen untersteht, von denen beim Vertoner die Rede war. Nur abgrenzend sei bemerkt, daß unter keinen Umständen ein Musikant das jüdische Volkslied vortragen sollte, der lediglich von Westeuropa herkommt. Es ist bei ihm nicht anders wie beim Rezitator originaler östlicher Schriftwerke. Gewiß soll er alle Elemente des Vortragstechnischen vom Westen übernehmen, und kaum etwas wird die Eindringlichkeit der Gesänge so sehr steigern, wie ihre Ausführung durch einen Sänger, der in Stimmbildung und -führung dem bei canto gründlich verpflichtet ist. Aber diese allgemeinen Fähigkeiten bedürfen danach der ausreichenden Ergänzung durch die genaue Kenntnis und Beherrschung aller Möglichkeiten, die das gesprochene jüdische Wort im Vokalischen, in der rhythmischen Nuancierung und im Mimischen ausgenutzt sehen will — selbst eine Stilisierung, will sie nur das Besondere der jüdischen Singweise zum Ergebnis haben, mag dann lieber gewagt werden als das hilflose Gestolper über unverstandenes Gefüge nicht erlebten sprachlichen Ausdrucks. * * * Ubersieht man nach dieser Aufstellung grundsätzlicher Mindesterfordernisse das, was bisher an Aufführung ostjüdischer Volksmusik hierzulande unternommen worden ist, so wird man keinen Augenblick im Zweifel sein, eine recht fragwürdige Art von Kunstbetriebsamkeit vor sich zu haben. Soweit hier die Veranstalter in Frage stehen, bedarf es dafür eines besonderen Nachweises nicht» Denn diese Bemerkungen wären nicht notwendig geworden, wenn einer von ihnen Einsicht in die eigentümlichen Möglichkeiten und Hemmnisse seines Amtes besessen hätte. So aber sind sie noch jetzt ohne Verständnis, daß da9 mehr ist als ein Gewerbliches oder ein Ding, damit anderen Kurzweil zu bieten — wirklich ein Amt —, und darum bedrückt sie nicht die Sorge der weitreichenden Verantwortlichkeit,, und die entmutigende Kenntnis der schlimmen Verwahrlosung spornt sie nicht an, den zuverlässigeren Interpreten heraufzuführen. Entschuldigend mag man jedoch zu ihren Gunsten vorbringen, daß die jüdische Öffentlichkeit sich vollkommen mit dem bisherigen Treiben zufrieden gab. Zumal die jüdische Presse entlastet es nicht, daß allgemein in Deutschland und anderswo im Westen die musikalische Kritik durchweg ein schwatzendes Reportertum darstellt, in seinen Ausdrucksmitteln denkbar unbeholfen und ärmlich, in seinen Ansprüchen bis in den Kitsch herabsteigend. Denn die jüdischen Wochenblätter verstanden nicht einmal den immerhin Urbanen Trick, mit dem die Musikästhetiker durch dünnes Wortgeklingel ihren Mangel an Fachwissen, Si*

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