Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Die Aufführung jüdischer Volksmusik vor Westjuden
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 762 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3101111-3101126-3101136-3103094--2224-3103150- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
762 Fritz Mordechai Kaufmann: Melodien ediert, recht hilflos da. Vor ihm liegt keine Jahrhunderte alte, unausgesetzt den Dingen nachschürfende Tradition — er kann nicht die heutige, schwächlichere Singart messen an der, die vor hundert und mehr Jahren herrschend war — er wird sich damit bescheiden, nur vorläufige Ergebnisse zu verzeichnen. Was das bedeutet, wird jedem klar sein, der einigermaßen die Fülle von mittelalterlichen und späteren Fixierungen übersieht, die dem modernen Editor etwa deutscher Volksgesänge als feste Richten zur Verfügung sind. Noch mehr verwickelt und unerfreulich verhält es sich mit den Polyphonen. Die jüdischen Volksweisen sind bis auf geringe Ausnahmen bisher nur im Einzelgesang, also unisono, nicht vielstimmig, gesungen worden. Was an originaler polyphonischer Leistung in der shyl, im Zusammenwirken der singer mit dem chasen und im Zusammenspiel der klesmürim vorliegt, ist seinem Umfange nach kümmerlich, dazu verschüttet durch das Hereindringen wesensfremder Harmonien und Satzmanieren, die skrupellos übernommen worden sind. Hier aber ist, im Gegensatz zum Homophonen, nicht einmal das Inventar aufgestellt und zu einer Sonderung und Reinigung noch kein Anfang gemacht. Und doch ist dieses Kümmerliche beinahe das einzige konstruktive Material, das von dem Vertoner jüdischen Volksgesanges benutzt werden darf. Das andere liegt als stumme Möglichkeit in den Melodien selber vergraben, deren eigentümlicher klanglicher Bau eine weitere, wenn auch nicht eindeutige Richte für die polyphone Bearbeitung verbirgt. Aus einer Beurteilung des Negativen wird dieses klarer werden, wenn man nämlich versucht, den ehrwürdigsten Melodien die Stimmführung und die Harmonien westeuropäischen, polyphonen Satzes zu unterlegen — der Mißklang solch einer unzulässigen Vermischung wird alsbald evident und die Unerläßlichkeit, die Melodie nur mit den ihr angemessenen und aus ihr folgenden Mehrklängen zu versehen, ergibt sich beim ersten Hören. Daß die bisherigen Bearbeiter recht wahllos verfahren sind, beweist natürlich nur gegen sie und die meistens untauglichen Kompositionen, aber nicht gegen unsere Behauptung. An dieser Stelle darf die Frage nicht unterdrückt bleiben, ob denn überhaupt erforderlich ist, den Volksweisen begleitende Klänge zu unterlegen. Man wird diese Frage so wenig ohne weiteres bejahen dürfen, wie die strengere, ob es denn einen Sinn habe und mit dem Wesen der Dinge zu vereinbaren sei, Volkslieder aus dem ihnen allein bekömmlichen Element herauszunehmen und sie, die auf unmittelbare mitwirkende Anteilnahme angewiesen sind, in die passive wesensfremde Hörerschaft des Konzertsaals hineinzusetzen. Ich stehe nicht an, die absolute Zulässigkeit eines derartigen Tuns zu verneinen. Augenblicklich jedoch handelt es sich nicht um solche letzte, grundsätzliche Entscheidung, sondern darum, das Beschämende der bis heute geübten Vorführung abzulösen durch etwas minder Kulturwidriges, das irgendwie geeignet sein könnte, seelische Wirkung in dem westjüdischen Hörer zu hinterlassen, zumal in dem jugendlichen. So hätte denn der Musiker, der im Dienst solcher weitzielenden Pläne sich anschickt, dem homophonen jüdischen Volksgesang Polyphonie zu geben, mehr zu sein, als ein handwerkgerechter Musikant Das muß er so selbstverständlich sein, wie die meisten, die heute jüdische Volksweisen bearbeiten, es noch immer nicht sind — aber er muß mehr sein. Seine tonbildenden Organe müssen sich auf das Singende im Volk nachhaltend abgestimmt haben, der Grad seiner Vertrautheit mit dem Volkstümlichen bis zur Instinktivität gesteigert sein, so daß ungehemmt und rein das Lied in ihm erklingt. Erst dann ist eine Ge-