Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Die Aufführung jüdischer Volksmusik vor Westjuden
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 761 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Aufführung jüdischer Volksmusik vor Westjuden 761 er wird es darauf hinweisen, daß diesmal nicht zu einem gemütlichen Schlecken geladen wird, sondern etwas Aktives, Vorbereitung sei hier zu verlangen, zum mindesten, was die Kenntnis der Liedtexte anbelangt. Will er nun den Geladenen früh genug die gültigen Texte und Melodien vorlegen, so muß er sich nach dem Herausgeber dieser Dinge umsehen, diesem dreifältigen Wesen eines Folkloristen, Phonetikers und Tonsetzers. * * * Von dem Veranstaltenden werden wir aber nicht verlangen, daß er sich, wie wir es in seinem Falle taten, mit einem Nichtseienden zur Arbeit paare, und etwa einen der Komponisten, die bisher unsere nationalen Lieder bearbeiteten, verschönten und modisch frisierten, als idealen Helfer anspreche. Vielmehr kann er angesichts der augenblicklichen Verwahrlosung nicht viel mehr tun als seine Forderungen aufstellen. Diese machen, soweit sie die Texte der Lieder betreffen, die Bereitung solcher Fassungen nötig, die gültig sind, also frei von den entstellenden und versüßenden Interpolationen, mit denen das Volkslied in manchen wuchernden Varianten uns überkommen ist. Diese Forderung ist nicht so sehr spezifisch für die interpretatorische Tätigkeit (weil sie auch für den Osten selber zu gelten hat) wie die weitere nach der Übertragung dieser geläuterten Texte in die abendländische Schriftart. Eine solche Übertragung muß phonetisch einwandfrei sein und den Ansprüchen angewandter Wissenschaftlichkeit entsprechen; sie muß das Klangbild der jüdischen Worte, die doch essentielles Bauwerk der Melodien und durch fremden Wortklang unersetzbar sind, unvermindert herstellen; insbesondere darf sie dem westeuropäischen Hörer, zumal wenn er der deutschen Sprachgemeinschaft entstammt, niemals einen mühelos verständlichen, genehmen Eindruck vortäuschen, indem sie sich auf Kosten der klanglichen Originalität dem Deutschen anähnelt. Obwohl sie keineswegs die Genauigkeit einer grammophonischen Wiedergabe erzielen kann, wird sie sich zum mindesten Laute fernhalten, die dem Jüdischen unbekannt sind (au, ü, ö), und niemals in derselben Zeile ein Gemisch polnischer und litauischer Mundart durcheinanderschütten. Nicht ganz so unmittelbar läßt sich von den Forderungen hinsichtlich der musikalischen Bearbeitung reden. Wir haben es hier zu tun einmal mit dem traditionellen Inventar des Liedes, mit seiner Melodik und sodann mit seiner Schmückung durch polyphones Beiwerk. Aber schon die erste ist uns nicht so eindeutig klargestellt, wie wir es wünschen müssen. Wir empfangen die Melodien nicht aus schriftlicher Aufzeichnung, die in der Zeit eines unvermischteren, gehalteneren Lebens geschah als der heutigen, sondern wir übernehmen sie in einsr momentanen, häufig stark entstellten Form, seitdem der Kunstgesang, die Oper, die Operette und selbst der kreischende Singsang der Gasse den Volksmassen die Organe für ihr Lied arg verkümmerten. So sind wir auf den Zufall angewiesen, der den Aufzeichenden nicht immer den günstigsten Fundort für die Lieder gewinnen läßt. Es muß daher zunächst von dem Sammler verlangt werden, daß er in die unberührtesten Winkel der jüdischen Siedelung eingedrungen sei, selber durchaus im Bereich des weiter wirkenden Volksliedes stehe und einen unbestechlichen, durch angespannte Bemühung verfeinerten Sinn besitze, um das Ursprüngliche und Fundamentale der Weisen hinter dem Gerank ihrer zufälligen und formlosen Verbreiterungen zu erkennen. Aber auch im Besitz dieser seltenen Fähigkeit steht derjenige, der jüdische Heft i2. 51