Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Die Aufführung jüdischer Volksmusik vor Westjuden
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 760 (sequence 2)
- Language
- German
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76o Fritz Mordechai Kaufmann: und keine von ihnen eine neue Art der formalen Bewältigung zulassend, wie etwa die Gebilde der Wortkunst, wird der Vermittelnde hier vornehmlich zum Diener an dem fremden Werk. Sein Schöpferisches muß sich bescheiden auf geringe polyphonische Erfindungen und vermag sich im übrigen an dem musikalischen Fremden lediglich durch die Treue und Reife der Gesinnung zu bewähren. Da zudem die Interpretation musikalischer Werke von vornherein die Angelegenheit einer auch noch so erlesenen Öffentlichkeit vorstellt, wird jene wertigste Haltung, die wir allgemein als möglich vorfanden, die durchaus schöpferisch ist, besonders dort, wo sie in der Hingebung des Meisters dienen will, bei dem fremden Musikalischen des geeigneten Objekts entbehren; sonst überschreitet sie den Rahmen des vermittelnden Schaffens und stellt gänzlich neue Werke hin. Wie viel Möglichkeiten desungeachtet, zulieb der ihr eigentümlichen Haltung, augenblicklich und auf lange der schöpferischen Persönlichkeit offen bleiben, sobald sie ostjüdische Volksmusik zu vermitteln sich anschickt, wird ohne weiteres offenbar, wenn wir dem bisherigen Musiktreiben das Bild der vollendeten Aufführung entgegenstellen. Eine derartige Aufführung würde gemeinsam getan werden müssen und ihr Gelingen abhängen vom Veranstalter, vom Herausgeberund vom ausübenden Musiker. Dieser Veranstalter, auch dann, wenn er ein Kollektivum wäre, ist eine Persönlichkeit, wie sie augenblicklich unter gewerblichen Konzertunternehmern sich nicht vorfindet. Durchaus bewußt, daß der Konzertsaal das Volkslied seiner eigentümlichen Wirkungen beraubt, indem er ihm die Unmittelbarkeit und die Frische lähmt — außerordentlich einsichtig für den kulturellen Widersinn seines Vorhabens versteht er sich dennoch zu solchem Wagnis, weil er sich die Berechtigung dazu herleitet aus Absichten, die in der schwierigen Situation der gegen ihr Volkslied ertaubten Westjuden ihre Begründung haben. Er wird sich daher keineswegs an ein Zufallspublikum sensationslüsterner Konzertbesucher wenden, in der Erkenntnis, daß er diesen gar nichts mitzuteilen hat. Auf der anderen Seite wird er das Volkslied nicht dazu erniedrigen, auf nationaljüdischen Abenden Lückenbüßer zu sein, zwischen keulenschwingenden Turnern und den kurzatmigen Ansprachen der Festredner. Seines Amtes ist es, das Fremdartige, verhalten Gewachsene in möglichster Reinheit und allem Störenden entzogen wirken zu lassen. So wird er denn lieber einseitig sein und karg, als wahllos im Weiten herumirrend — was der verbildete Geschmack zum Volkslied heraufgelobt hat, was der Beliebtheit der Menge sicher, aber nicht wert ist, badchünkche und Operettenmelodien, kurzum das Meiste, was wir in der letzten Zeit an dergleichen nationalen Abenden anhören mußten, wird sich in seinen Programmen nicht vorfinden*). Er wird sogar anmaßend genug sein, von seinem Publikum mehr als die Silberlinge für den Eintritt zu fordern — *) Die aus dem Jiddischen übernommenen Worte und Stellen sind in der Transkription Salomo Birnbaums (vgl. das 9. Heft der Freistatt) wiedergegeben und kursiv gesetzt. — Bei der begrifflichen Abgrenzung, was Volkslied sei, sind nur nebenher die meist quantitativen Kriterien der Verbreitung, der Anonymität oder der Herkunft benutzt worden; entscheidend war ein gewiß labiles Maß der Wertigkeit, dessen Einzelheiten den formalen Elementen einiger unbestreitbar vollendeter Volkslieder entnommen sind und das seine Ansprüche im Musikalischen (in dem knappen, typischen Guß der Phrase und in der sparsamen Benutzung des intervallischen Umfangs) nicht minder als im Dichterischen erfüllt sehen will.