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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 12 · p. 757

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 12
Article
Die Erziehung unserer Kinder und unser Leben
Date
1917-01-01
Page
757 (sequence 4)
Language
German
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Die Erziehung unserer Kinder und unser Leben 757 Sperrung bedeuten, daß sie im Gegenteil eine einzigartige Bedeutung für die gesamte Menschheitsentwicklung haben. Um zum Kern der jüdischen Wesensart und damit zugleich zum Wesen der jüdischen Gemeinschaft zu gelangen, müssen wir den Weg weitergehen, den Martin Buber betreten hat, indem er von den Unterschieden ausging, welche zwischen der seelischen Eigenart des Juden und des Nichtjuden bestehen. Wirklichkeitssinn ist hier die erste Vorbedingung, um so mehr als wir nicht im Abstrakten stehen bleiben, sondern, womöglich die Abstraktionen überspringend, von den konkreten Äußerungen jüdischer Wesensart zu konkreten Bemühungen gelangen müssen, dieser Wesensart in ihrer Reinheit und Klarheit zum Durchbruch zu verhelfen. Gehen wir gleich von dem früher Besprochenen aus. Die vorige Generation suchte sich Lebensverhältnisse zu schaffen, in denen sie ihr Menschentum frei entwickeln könnte, die jetzige sucht den seelischen Halt wiederzugewinnen, den die vorigen bei jenem Streben verloren. Das ist eine so reale Forderung, daß keinerlei Bücher und Überlieferungen hier das Ausschlaggebende sein können. Ein gemeinsamer Wille muß geschaffen werden. Es muß klar erkannt werden, daß im Grunde unserer Herzen eine ganz andere Vorstellung vom menschlichen Leben und den Beziehungen zu den Einzelnen lebt, als die ist, welche das Leben geschaffen hat, in das wir hineingestellt sind. Unsere Überlieferung ist ein ununterbrochener Ausdruck dieser unserem jetzigen Leben entgegengesetzten Willensrichtung. Wir brauchen sie nur klar ins Auge zu fassen, und alle Forderungen ergeben sich von selbst. Denken wir z. B. an die biblische Erzählung von den Kundschaftern. Zehn von ihnen erzählen, daß das Land, in das das Volk ziehen will, von Milch und Honig fließt, aber der Schwierigkeiten seien zu viele. In der Welt, in welcher wir heute leben, würde man zuerst versuchen, etwa mit Maschinen den Überschuß an Menschenkraft zu überwinden, über den die Feinde verfügen, geheime Bündnisse gegen sie zu schließen und ähnliches. Aber Josua und Kaleb als die Vertreter der Besten im Volke wissen, daß sie das Land zur freien Erhaltung der Volkskraft nicht missen können, und antworten ganz einfach: Wir werden doch hinaufziehen. Wollen wir unsern Kindern diese Gesinnung einpflanzen, von der unsere ganze Überlieferung durchtränkt ist, so würden wir sie, wie die Dinge heute liegen, oft genug zu unglücklichen Menschen machen. Denn in jenen Wüstenverhältnissen, von denen die Kundschaftererzählung berichtet, gab es Ellbogenfreiheit für gesunde Kraft. In den Lebensverhältnissen aber, in die wir gestellt sind, muß derjenige, der seinem Wesen entsprechend lebt, der tut, was sein innerer Trieb ihm gebietet, nicht selten untergehen. Der größte Teil dieser tausendfachen jüdischen Tragödien spielt sich als Kampf zwischen der Persönlichkeit und den Anforderungen des Berufes ab, was von Jahrzehnt zu Jahrzehnt ein immer deutlicherer Feind der menschlichen Seele wird. Hier liegt die Schwierigkeit für die jüdische Erziehung. Juden sind viel zu wirklichkeitsbewußt, als daß ihnen eine Gesinnung etwas sagen könnte, die im Leben überall mißachtet wird, mag sie in der Schule noch so beredt und klug vorgetragen werden. Darum ist es ebenso unrichtig wie unfruchtbar, die Ursache für den Tiefstand der jüdischen Erziehung in den Religionslehrern zu suchen. Aber auch die einzelnen Eltern können nicht viel tun. Sie können unmöglich die Verhältnisse so ändern, daß sie sich der Mechanisierung und Entseelung des Lebens entziehen könnten, die unerbittlich alles umfaßt Und zu teilen vermögen wir uns nicht. Anderen Menschen ist es eher gegeben, einige

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