Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Die Erziehung unserer Kinder und unser Leben
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 756 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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756 Oskar Epstein: Nun zeigte es sich aber, daß es nicht nur darauf ankommt, ob man in die höhere Gesellschaftsklasse aufsteigt, sondern zumindest ebensosehr, wie man; in sie aufsteigt. Der Blick, der ganz auf den sozialen Aufstieg gerichtet war, hatte von allen übrigen Bedürfnissen der Seele nichts gesehen. Nun fielen für die Söhne die äußeren Fesseln weg, die sie abgehalten hätten, Menschen zu sein, und es fehlte ihnen aller innere Halt Da riefen sie plötzlich: „Wozu brauchen wir eine soziale Stellung, wozu brauchen wir Geld, wir müssen zu unserer Seele zurück". So entstand jene einzigartig machtvolle Bewegung, wie sie am sichtbarsten und faßbarsten in den herrlichen Jugendtagen der zionistischen Studentenbewegung zutage trat. Sie war dadurch gekennzeichnet, daß man alles, was den Vätern am wichtigsten war, zum alten Eisen werfen wollte, um ganz der Entseelung und Zweckhaftigkeit zu entgehen, die das Erbteil eines so gut gemeinten und, wie wir schon zeigten, notwendigen Strebens war. So blieb denn auch dieser Idealismus außerhalb der Sphäre der Wirklichkeit, und wo seine Träger in die Sphäre der Wirklichkeit eintraten, da wußten sie sich entweder keinerlei Stellung in ihr zu schaffen oder sie gaben jenen Idealismus auf, ohne ein Streben wie ihre Eltern zu haben, das einen solchen Verzicht irgendwie gerechtfertigt hätte. So geht ein unerfülltes Sehnen durch die besten Teile der westjüdtschen Jugend. Man sucht alle möglichen Ziele sich zu eigen zu machen, weil man nicht den Mut hat, der einen Frage, die sich auf tut, mutig ins Auge zu blicken. Wir werden von dieser einen Frage noch sprechen müssen, wollen aber zuerst ein paar Worte über die falschen Auswegs sagen, welche die Jugend sich aus ihrem Wirrsal zu öffnen suchte. Da suchen die einen ihren Lebensinhalt im traditionellen Judentum. Sie verkennen, daß Tradition nicht neu belebt werden kann, wenn sie unterbrochen war. Etwas anderes wäre es, die Kraft, welche die Tradition geschaffen hat, zu neuem Leben zu erwecken. Die würde neue Formen schaffen* So aber bleibt sie Äußerlichkeit, oder an die Stelle des naturgewachsenen Gefühls tritt eine bloße Sentimentalität, die nur geeignet ist, die Heiligkeit unseres Gefühlslebens vor uns selbst und allen Klarsichtigen bloßzustellen und herabzusetzen. Daneben ist aus jenen herrlichen Jugendtagen der zionistischen Studentenbewegung, von denen ich schon sprach, das Bild eines nationalen Judentums herausgewachsen, das dem Juden ähnliche Ziele zu geben sucht, wie sie die Völker haben, unter denen und mit denen er vielfach verbunden lebt. Diese Richtung verkennt, daß die jüdische Gemeinschaft von anderer Wesensart ist und nicht gleichgestellt werden kann. Schon die Rolle des Judentums in diesem Weltkriege hätte uns das lehren können. Damit will ich keineswegs die ungemein heilsamen Folgen des Nationalgedankens in der letzten Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft verkleinern. Wirken ja so oft Irrtümer gar heilsam; man braucht da nur an die Fälschung der Königinhofer Handschrift und die Bedeutung dieser Fälschung für die Entwicklung des tschechischen Nationalgefühls zu denken. Aber man darf in diesen Irrtümern nicht beharren. Wir dürfen nicht vergessen, daß nationale Formen und Formeln uns den Weg zum Wesen und Kern der jüdischen Gemeinschaft zu verrammeln drohen, die wir doch befreien und erlösen wollen, dem Einzelnen, der jüdischen Gemeinschaft und der Menschheit zum Heile. Nur sie können uns auch das Ziel der jüdischen Erziehung sein. Um so mehr als man bei näherer Betrachtung erkennen muß, daß Wesen und Kern der jüdischen Gemeinschaft nichts weniger denn eine Ab-