Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Die Erziehung unserer Kinder und unser Leben
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 758 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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758 Oskar Epstein: Die Erziehung unserer Kinder und unser Leben Stunden des Tages der Mechanisierung hingegeben zu sein, in anderen Stunden im Schöße naturgewachsener Gemeinschaften, vor allem in der Familie, ihre Seele leben zu lassen. Zu deutlich prägt sich bei unserer Wesensart solchem Streben der Stempel der Lüge auf. Hier hilft nur eines: werktätiger Zusammenschluß, Wir müssen zunächst versuchen, unsere Überlieferung wieder näher kennen zu lernen und eine wesenhaft persönliche Stellung zu ihr zu gewinnen. Dann müssen wir darauf lauschen, was für Wege sie unsern Kindern weist, wenn wir sie ihnen von vornherein nicht als Form, sondern als Lebensinhalt darbieten. Und wir müssen einander helfen, so stark zu sein, daß wir nicht mehr, wie es früher der Fall war, entsetzt davonlaufen, wenn wir bei dieser Beschäftigung immer klarer sehen, daß diese Überlieferung uns in Gegensatz zu allem Leben um uns herum setzt. Es kann sich nicht darum handeln, Erziehungstheorien zu verbreiten, gute Ratschläge zu geben u. a. Das brauchen ja auch wir, aber es kann nicht die Hauptsache sein. Und würde ohne diese uns gar nichts helfen. Denn unsere jüdische Wesensart weist uns nach der aufbauenden Tat. Wir werden sehen, daß manche Hilfe zu ihr bereit liegt, wenn nur die richtige Tatgesinnung vorhanden ist, die es durch wesenhafte Aussprache zu schaffen gilt. Wir werden so erkennen, daß unsere Gemeinden der Boden sind, auf dem diese Tat reifen kann, soll und wird. Denn unsere Wesensart ist in ihrem Kern so unveränderlich und unverrückbar, daß sie unter keinen Umständen verwischt oder ausgelöscht werden kann. Es kann sich nur darum handeln, daß wir ihre Forderungen rechtzeitig erkennen und so verhindern, daß weitere Generationen junger Juden der furchtbaren Seelenlosigkeit aufgeopfert werden, die das Leben kennzeichnet, in das wir gestellt sind, und der wir nur durch tatkräftigen Zusammenschluß begegnen können. Es wird klar geworden sein, daß ich der jüdischen Gemeinschaft eine besondere Vorzugsstellung im Aufbau der kommenden Welt, die unmöglich die vor dem Kriege sein kann, zuweise. Wir sind schon so zermürbt und schwach geworden, daß wir vor einer solchen Auffassung zurückschrecken. Und doch könnte schon eine oberflächliche Betrachtung der Rolle, welche unsere Gemeinschaft in der Geschichte gespielt hat, uns lehren, daß wir in scharfem Gegensatz zur Lebensauffassung der übrigen Völker stehen. Ich will, um die Eigenart der jüdischen Tatgesinnung im Gegensatz zu jeder nicht jüdischen zu veranschaulichen, auf zwei Formeln hinweisen, die das klar ausprägen. Die Größe eines der allergewaltigsten Menschen der nichtjüdischen Welt, des römischdeutschen Kaisers Karl V. faßt die Geschichte in den Worten zusammen: „In seinem Reiche ging die Sonne nicht unter". Ich bin weit davon entfernt, zu verkennen, wieviel Kraft und Größe sich hinter diesen Worten verbirgt, aber es ist nicht die Größe, die unserem Herzen als Hochziel eingegraben ist. Denn es bedeutet, daß viele, viele Menschen ihrem innersten Sein entfremdet wurden, um in einer äußeren Einheit aufzugehen. Die jüdische Überlieferung faßt die Großtaten ihres bedeutendsten Königs, Salomo, in die Worte: „Und es wohnte ein jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum, solange Salomo lebte." Wir leben nicht mehr in der Zeit dieses Königtums. Die Gemeinschaft selbst ist der König. Prag Oskar Epstein