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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 12 · p. 755

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 12
Article
Die Erziehung unserer Kinder und unser Leben
Date
1917-01-01
Page
755 (sequence 2)
Language
German
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Die Erziehung unserer Kinder und unser Leben 755 Klarheit des Ziels besonders fehlt. Wer sich mit Erziehung und mit der pädagogischen Literatur unserer Tage beschäftigt hat, sieht, wie sehr das zutrifft Und ganz besonders bei uns Juden trifft es zu. Wären nicht andere, wichtigere Gründe vorhanden, so würde dieser, genau betrachtet, ausreichen, um besondere jüdische Bemühungen und Erziehungsfragen zu rechtfertigen und zu verlangen. Das Erziehungsideal, das uns allen heute zu entschwinden beginnt, ist das Einleben in das klassische Altertum. Jeder, der sich an das alte, humanistische Gymnasium erinnert, besonders dann, *>wenn er selbst es durchgemacht hat, wird im Vergleich zu der heutigen Wirrnis im Erziehungswesen feststellen müssen, daß es von einer ungemeinen Einheit der Erziehungsrichtung war. Ebenso deutlich ist zu sehen, daß diese Form der Erziehung im Absterben begriffen ist. Aber nichts Neues tritt an ihre Stelle. Wir wollen gleich davon sprechen, daß das eigentliche Erziehungsziel der jüdischen Eltern im Wesen durchaus nicht mit dem eigentlichen Ziele des humanistischen Gymnasiums zusammenfiel. Es hatte aber eine so suggestive Kraft, daß es einem Teil der jüdischen Erziehung ein festes Ziel zu geben imstande war. Damit ist vor allem natürlich von der Mittelschuljugend die Rede. Wenn wir sie betrachten, kommen wir aber auch zu einer klaren Darstellung der Lage in der Erziehung der übrigen Jugend. Ich sprach soeben davon, daß das eigentliche Ziel der jüdischen Erziehung nicht mit dem der Schule zusammenfiel, das man äußerlich ja vollkommen übernommen hatte. Überlegen wir uns, was denn die Väter der vorigen Generation als Ziel vor Augen hatten, wenn sie unter ungeheueren Entbehrungen ihren Kindern eine höhere Erziehung angedeihen lassen wollten. Sie kleideten ihr Ziel meist in die Worte: „Mein Sohn soll es besser haben als ich". Gemeint war damit die soziale Stellung. Da zu ihrer Erreichung ein bestimmter Bildungsgang nötig war, so suchte man dem Kinde mit allen Mitteln zu ermöglichen, eben diesen Bildungsgang mitzumachen. Das Wort Bildung selbst hatte bald ganz die Bedeutung einer Vorbedingung für das Aufsteigen in die höhere Gesellschaftsklasse. Freilich muß zugegeben werden, daß ähnliche Erwägungen ja auch bei der nichtjüdischen Bevölkerung eine Rolle spielten. Aber die intensive Leidenschaft dieser Bestrebungen gibt ihnen bei den Juden der vorigen Generation — ich spreche hier natürlich immer vom Westen — einen ganz besonderen Charakter. Sonst wäre auch der beispiellose soziale Aufstieg nicht möglich, der aus den Söhnen oder höchstens Enkeln von Kleinhändlern lauter Doktoren, Professoren und Ingenieure gemacht hat. Bei diesen Söhnen und Enkeln kam dann ein Rückschlag. Greift man in der Betrachtung wieder ein bißchen zurück, faßt man den sozialen Auftrieb, von dem wir sprachen, näher ins Auge, so findet man als seinen Kern die richtige Überzeugung, daß in unserer gegenwärtigen Gesellschaft das Ausleben eines gesunden Menschentums nur in den höheren Gesellschaftsschichten möglich ist. Ohne eigentlich davon zu reden, haben das in der letzten Zeit bezeichnenderweise zwei Juden deutlich zum Ausdruck gebracht, nämlich Max Brod in seinem Aufsatz „Zwei Welten", der in dieser Zeitschrift erschienen ist, und in ganz anderer Art Walter Rathenau in seinem Buch „Von kommenden Dingen"» Dieser richtige Instinkt gab dem sozialen Aufstieg in den Augen der Juden in der vorigen Generation eine alles beherrschende Bedeutung. Mit ihrer Impulsivität und Leidenschaft setzten sie es selbst unter den ungünstigsten Verhältnissen durch, daß ihre Kinder in die höhere Gesellschaftsschicht aufstiegen.

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