Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Nationale Ideologien im Judentum der Gegenwart
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 753 (sequence 6)
- Language
- German
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Nationale Ideologien im Judentum der Gegenwart 753 Dazu kommt ein weiteres Moment: wir sehen, wie der Intellektualismus als geistiger Gährstoff den politischen Zionismus immer mehr durchdringt und erfüllt. Der letzte Delegiertentag der deutschen Zionisten in Berlin ist ein sprechender Beweis dafür. Der Einfluß Bubers ist hier unverkennbar. Es ist gleichsam eine Rezeption seiner — zunächst — „profanen Geistigkeit" ins offizielle Programm des deutschen Zionismus.*) Im Vordergrund dieser „Geistigkeit" steht die, übrigens auf der ganzen zionistischen und nationalen Linie übereinstimmend geforderte „nationale Erziehung". So schafft sich noch jede bedeutende Individualität eine gewisse mittlere Zone des Geistigen, die sie mit einer Gruppe, einer Gesamtheit verbindet; dann tritt aber die persönliche Sonderart entschiedener hervor und setzt der Gemeinsamkeit bald eine Grenze — es sei denn, daß auch diese besondere Art von jener neuerdings rezipiert wird. In der Geistigkeit Bubers bildet das Mystische einen starken Einschlag; ja, dieses ist sein eigentlicher Ton und Grundton. Das Mystische ist aber ein Element, und zwar ein wesentliches Element des Religiösen. Wie nun gegenüber dem Zionismus das intellektualistische Prinzip als ein unbekümmertes Drängen nach den Tiefen des Judentums sich äußert, so bedeutet diesem Prinzip gegenüber das Religiöse die Kraft, diese Tiefen bis auf ihren Grund zu durchleuchten: denn die Religion ist — trotz dem Mystischen in ihr — die absolute Bestimmung und die absolute Bestimmtheit. Daraus aber geht schon hervor, welche Wichtigkeit dem Religiösen in unserer Bewegung zukommt. Es wird bei der „profanen Geistigkeit" des national-politischen Zionismus sein Bewenden nicht haben; dazu ist die Eigenart Martin Bubers eine viel zu starke und viel zu entschiedene, der Kreis seiner Freunde ein zu beträchtlicher und zusehends sich erweiternder. Nimmt man überdies die Vielfältigkeit des Religiösen in Betracht, wie es auch unabhängig von Buber allwärts sich regt und wirk!-, so darf man wohl sagen: wir stehen vor einer dritten und jüngsten Form des Nationalen, die wir als die jüdisch-religiöse bezeichnen können. Mit ihr, die eine besondere Betrachtung erfordert, schließt sich der Umriß der nationalen Ideologien zu einer zwar knappen, aber die wesentlichen Momente, die Grundtatsachen der nationalen Bewegung zusammenfassenden Skizze: der politische Zionismus ist eine Tatsache; aber eine Tatsache ist auch die nationale und religiöse Geistesbewegung — und zwar aus keinem anderen Grunde, als weil der Geist — nach dem Worte Hegels — eine Tatsache ist. Somit stehen wir in der jüdischen Bewegung vor drei Tatsachen als ihren drei besonderen Grundkräften, von denen wir im Hinblick auf den Moment der Gegenwart noch ein besonderes Wort sagen möchten: Der politische Zionismus, repräsentiert durch die Führergestalt Theodor Herzls, wirkt in dessen Nachfolge und Anhängerschaft als die eine Kraft in der nationalen Bewegung fort; es ist die alte Garde Herzls, die Fahnenträgerin seiner national-politischen Idee, die sie mit unentwegter Treue, mit Ausdauer und Zähigkeit vertritt und verficht; aber diese „alte Garde" zieht auch immer neue Scharen *) Wobei man sich erinnern mag, daß diese „geistige" Richtung in ihrem tieferen Grunde gegen die Tradition Theodor Herzls gar nicht verstößt. Man denke an dessen Wort: „Der Zionismus ist das Judentum unterwegs", und erinnere sich auch der inneren Bemühungen Herzls, „unterwegs" auch selber — Jude zu werden; wovon ein rührend schönes Zeichen und Zeugnis die „Menorah" ist. Überhaupt gehört Herzls Streben nach der „Rückkehr zum Judentum" noch auf ein besonderes Blatt.