Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Nationale Ideologien im Judentum der Gegenwart
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 752 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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752 Bernard Tag: Und Nathan Birnbaum? Wie er von der äußeren Bewegung, die er selber geschaffen und mitgeschaffen hatte, immer mehr in deren „innere Linie" geriet; wie er auf die Führerschaft verzichten mußte und verzichten konnte, weil ihm eine andere zugedacht war auf dem Wege zur Vergeistigung und Vertiefung der „Jüdischen Moderne" und der national-jüdischen Bewegung: darin spiegelt sich nicht bloß das hier wie dort ergreifende Geschick zweier so grundverschiedener Individualitäten; vielmehr auf den ganzen Gang und die ganze Art der nationalen, im besonderen der zionistischen Bewegung fallen von hier aus erst die rechten Schlaglichter. Wer hätte in der beginnenden Phase der Bewegung in diesen beiden Männern so tief gehende Gegensätze gewahren mögen, die sich im Verlauf der Bewegung, fast möchte man sagen, in zwei grundsätzlich verschiedene Richtungen auseinanderlegen sollten: in Ost- und Westjudentum? Mit dieser scheinbar so einfachen Unterscheidung, die sich für das jüdische Problem von besonderer Fruchtbarkeit — freilich auch von besonderer Gefahr — erweisen sollte, erschloß uns Birnbaum auch den Zugang zur jüdischen Volksseele. Bald empfing, nicht zum wenigsten dank seiner Mittlerschaft, das nationale Westjudentum die ersten Früchte des schaffenden Ostjudentums. In immer reicheren und reiferen Formulierungen enthüllt uns Birnbaum die Schönheit des Ostjudentums, den tiefen Stimmungsgehalt seiner Sprache, die Echtheit seiner Lebenssitte, die Gefühlsinnigkeit und Gefühlsstärke seines Lebensstils. Hier ist ein Gipfel in seinem Schaffen. IV. Wir haben als die erste geschichtliche Form der modernen jüdischen Bewegung den politischen Nationalismus bezeichnet; als die zweite den nationalen Intellektualismus. Der erstere, bekannter unter dem Namen „politischer Zionismus", ist die originäre Schöpfung Theodor Herzls, und wirkt als Idee und Organisation, wenn auch in wechselnden Stärkegraden, dauernd fort. Neben der national-politischen Form der jüdischen Bewegung behauptet sich die zweite, die national-intellektualistische, als eine jener koordinierte, mit ihr teils zusammengehend, teils ihr entgegentretend. Diese andere Form des Nationalen entbehrt, oder sagen wir entbehrte bisher einer strafferen Zusammenfassung. Auch ihre beiden hervorragenden Repräsentanten, Achad Haam und Nathan Birnbaum, haben gerade für ihre tieferen Tendenzen eine festere Organisation nicht zu schaffen vermocht. (Freilich ist damit ihrem Willen und ihrem weiteren Tun kein Schlußpunkt gesetzt.) Wir haben auch einen besonderen Grund hierfür berührt; dem unbeschränkt waltenden Individualismus, diesem hervorstechenden Zug im national-intellektualistischen Empfinden, widerstrebt der engere Zusammenschluß in Organisation und Regel; hier wirkt der Einzelne und die Einzelkraft in voller Freiheit und Ungebundenheit. Es ist ganz eigentlich im Nationalen ,,das Reich der freien Geister". Zu Achad Haam und Nathan Birnbaum trat, wie man weiß, bald ein Dritter hinzu, mit besonderem Ton und Eigenart: Martin Buber. Wir können hier nur das Ergebnis seiner bisherigen Wirkung inne halb der jüdischen Bewegung berühren. Mit ihm scheint auch innerhalb des intellektualistischen Kreises eine wichtige Wandlung vor sich zu gehen. Der uferlos schweifende Individualismus folgt sichtlich seinem Ruf und seiner Parole nach einer nationalen Gemeinschaft, in welcher auch für den Einzelnen Raum ist für die schöpferische Entfaltung seiner national-individuellen Eigenart.