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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 12 · p. 751

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 12
Article
Nationale Ideologien im Judentum der Gegenwart
Date
1917-01-01
Page
751 (sequence 4)
Language
German
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Nationale Ideologien im Judentum der Gegenwart 751 auch ein innerer Zug im Wesen Achad Haams andeutet. Und was für ihn wohl besonders charakteristisch ist: sein zeitlich erster Essay ist reif wie sein zeitlich letzter. Ich kenne Achad Haam persönlich nicht; aber mit dem Worte, das er den ernsten Tendenzen und Bewegungen im Judentum als Devise setzen möchte: „ .. . alles in Ruhe und Frieden, ohne Sturm und Drang", scheint er mir den wesentlichen Grundzug in ihm selber zu bezeichnen. „Alles in Ruhe und Frieden, ohne Sturm und Drang" — das gerade Gegenteil davon ist Nathan Birnbaum: alles in Unruh und Unrast, alles in Sturm und Drang! Mit Nathan Birnbaum kommt ein stark dramatischer Zug in das Bild der jüdischen Bewegung. Wir haben zunächst hier in der zeitgeschichtlichen Berufung und Gegenüberstellung dieser drei Männer den kritischen Punkt ihrer Rivalität und Gegensätzlichkeit noch genauer ins Auge zu fassen. Uns sollte es freilich allein um die einfache geschichtliche und geistesgeschichtliche Linie zu tun sein; und abwehren sollten wir, was uns von ihr ablenkt; aber ganz läßt sich das persönliche Moment nicht ausschalten. Ist doch die scharfe Opposition Achad Haams und noch mehr die Nathan Birnbaums gegen Theodor Herzl wohl zu begreifen. Der eine wie der andere — sie hatten lange vor ihm den Boden bereitet für die nationale Aussaat. Da kommt ein Mann, von dem es feststand — er hat es ja selber einbekannt —, daß er sich bis daher um alles andere eher gekümmert hatte als ums Judentum, und reißt mit einem Schlag die Macht an sich. Was Wunder, wenn die sachliche Kritik beider ins Persönliche umschlägt? Und mit welchem Erfolg? Wir können das in zwei Worte fassen: Theodor Herzl behielt die Macht und sie—behielten recht: im Sachlichen nämlich; recht in ihrer Kritik des national-politischen Außenjudentums, recht mit ihrem Judentum. So, denke ich, sind diese drei führenden Männer gegen einander abzugrenzen, ohne daß man ihr Eigentum schädigt. Es war, so scheint es, einer der großen Irrtümer Achad Haams und Nathan Birnbaums, daß sie beide ihre besondere Bestimmung mit der Rolle Theodor Herzls verwechselten, — ein Irrtum freilich, an dem alle zu tragen haben, die vom leidenschaftlichen Willen getrieben werden, öffentlich zu wirken. Wir haben auch heute keine restlose Erklärung für die Erhebung Herzls zum Führer der zionistischen Bewegung; sicherlich war sie zum großen Teil in der Macht dieser Persönlichkeit begründet; aber auch der entschiedene politische Zug in Herzl ist hier wichtig und nicht zu übersehen. Im Politischen überragt nun einmal Theodor Herzl alle seine Vorläufer und Rivalen um Haupteslänge. Herzl ist nun einmal der erste und einzige bedeutende Politiker des modernen Nationaljudentums. Und wie ihm in der Führerschaft des politischen Zionismus, solang er lebte, keiner die Macht streitig machen konnte, so hat ein jäher Tod auf diese Führerschaft für alle Zeiten das Siegel gedrückt. Wird man aber auch hier noch einmal fragen: Und der Erfolg? Nun, Männer von diesem Schlage dürfen nicht nach ihren Erfolgen und Mißerfolgen allein beurteilt werden. Für die nationale Bewegung war Theodor Herzl eine geschichtliche Notwendigkeit, als derjenige, der ihr den Zug ins Große, ins Weite verlieh, .der sie mit einer starken Hoffnung auf den Wiederaufbau nationaler Gemeinschaft erfüllte; und der mit seinem Leben und mit seinem Tode ein Beispiel dafür ist, daß das nationale Judentum auf dem Wege zur Verwirklichung seiner Ziele den Wert einer führenden Persönlichkeit zu würdigen weiß.

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